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Ist die Coronakrise vergleichbar mit der Klimakrise?

Corona und Klima werden aktuell in vielen Zeitungsartikeln oder Blog-Beiträgen gegeneinander ausgespielt. Warum das nicht hilfreich ist, erklärt Professorin Anita Engels im Interview und beantwortet weitere wichtige Fragen zum Thema.

Anita Engels © UHH/CEN/AusserhoferWie unterscheiden sich Coronakrise und Klimakrise?

Der Vergleich ist nicht hilfreich. Die Menschen empfinden die Krisen sehr unterschiedlich und nehmen sie unterschiedlich wahr. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten. Die Coronakrise ist mit ihrem Katastrophenpotenzial ganz direkt und unmittelbar für sehr viele Menschen wahrnehmbar. Das Risiko, an der Infektion zu sterben, ist statistisch betrachtet zwar an das Lebensalter gekoppelt, ist aber geographisch nicht begrenzt und kann im Prinzip in den nächsten wenigen Wochen alle betreffen. Bei der Bekämpfung der Krise kommt es vor allem auf Reaktionsgeschwindigkeit an. Die Auswirkungen der Klimakrise werden trotz der wahrnehmbaren Extremwettereignisse immer noch in der Zukunft vermutet und unterscheiden sich sehr stark nach Regionen. Im Klimaschutz kommt es zudem vor allem auf den langfristigen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft an. Die Coronakrise wird daher in einem akuten Krisenmodus bearbeitet, während die Klimakrise einen langfristigen Vorsorgemodus erfordert.

Ist es sinnvoll, die jetzt ergriffenen Maßnahmen auch für den Klimaschutz zu fordern?

Der derzeitige Krisenmodus der Politik ist auf den Klimaschutz nicht übertragbar. Die Dringlichkeit der Coronakrise ermöglicht vor allem zwei neue Maßnahmen: die drastische Einschränkung der individuellen Freiheitsrechte und die Bereitstellung umfangreicher Staatshilfen zur Krisenbewältigung. Die Legitimität von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist nicht auf Dauer zu erwarten. Die Einschränkungen werden von der Bevölkerung nur zeitlich begrenzt hingenommen und auch nur, weil das Katastrophenpotenzial ganz direkt und unmittelbar wahrgenommen werden kann. Da das Klimaproblem anders strukturiert ist, kann zum Beispiel eine Begrenzung der individuellen Bewegungsfreiheit aus Klimaschutzgründen nicht auf Legitimation durch die Wählerschaft hoffen. Die derzeitige Bereitstellung von Staatshilfen wird allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit die Diskussion um die langfristige Finanzierung des Klimaschutzes neu entfachen, denn der gegenwärtige Krisenmodus zeigt, dass staatliche Investitions- und Stützprogramme durchaus möglich sind, wenn es den politischen Willen dazu gibt. Wenn die Coronakrise überwunden ist, wird es daher insgesamt um eine Neuverhandlung der langfristigen staatlichen Ausgaben gehen.

Wird der Klimaschutz von der Coronakrise profitieren?

Das ist vollkommen offen. Es ist zynisch, die Emissionseinsparungen, die durch die Coronakrise zwangsweise zustande kommen werden, als Erfolg im Klimaschutz zu verbuchen. Aber auch sachlich betrachtet stehen die kurzfristigen Einsparungen in keinem systematischen Verhältnis zu den langfristigen Klimazielen. Für den Klimaschutz ist ein langfristiger Strukturwandel erforderlich. Ob im Anschluss an die Coronakrise die Emissionen wieder nach oben schnellen oder ein langfristiger Abwärtstrend erreicht werden kann, hängt von den politischen Reaktionen ab. Im Moment sprechen viele Anzeichen dafür, dass Klimaschutz eher als Widerspruch zur Notwendigkeit der schnellen wirtschaftlichen Erholung gesehen wird.

Was könnte man jetzt tun?

Der Umgang mit der Coronakrise kann durchaus als Weichenstellung für den Klimaschutz gestaltet werden. Die Staatshilfen für die Wirtschaft können an Konzepte für den langfristigen Klimaschutz auch auf Unternehmensebene gekoppelt werden. Unterstützung für Selbstständige im Dienstleistungs- und Gaststättengewerbe könnte zur Einführung von CO2-Management-Instrumenten und zur Entwicklung neuer klimafreundlicher Geschäftsmodelle genutzt werden. Die durch die Krise freigesetzten Kreativitäts- und Solidaritätsschübe könnten zum Aufbau einer neuen Dienstleistungsindustrie im Bereich des Klimaschutzes genutzt werden. Die Corona- und die Klimakrise sollten also nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Zur Expertin

Prof. Dr. Anita Engels ist Soziologin und beschäftigt sich in Ihrer Forschung am Center for Sustainable Society Research (CSS) und Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN), beides Einrichtungen der Universität Hamburg, intenstiv mit Globalisierung, Umwelt und Gesellschaft. Sie ist Co-Chair des Exzellenzclusters Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS) und Mitglied im Lenkungskreis zur Wissenschaftsplattform Klimaschutz.

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