Kolumne "Zur Sache"

Saubere Luft ist ihren Preis wert

Prof. Dr. Andreas Macke, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS)

Luft ist ein wichtiges Lebensmittel. Jeder kann sich ausrechnen, wie lange wir ohne zu essen, zu trinken oder gar zu atmen auskommen würden. Dennoch ist es ein Lebensmittel, das schwerer zu kontrollieren ist als andere, weil dessen Qualität von Ort zu Ort stark schwanken kann. 300 Millionen Liter Luft gehen in einem Menschenleben durch die Lungen,ein vielfaches dessen, was wir an Flüssigkeit brauchen. 2010 haben die Vereinten Nationen das Recht auf sauberes Wasser als Menschenrecht anerkannt. Ein Menschenrecht auf saubere Luft gibt es noch nicht. Zu groß sind Bedenken, Luftreinhaltung könne das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern bremsen. Heute muss China erkennen, dass Luftverschmutzung nicht nur ein Gesundheitsproblem darstellt, sondern hohe volkswirtschaftlichen Schäden verursacht. Atemmasken und Luftfilter helfen nur bedingt. Saubere Luft gibt es nicht wie Mineralwasser in Flaschen im Supermarkt zu kaufen. Keinem Umwelteinfluß sind die Menschen so hilflos ausgeliefert wie dem aus der Luft.

Deshalb sind die Bemühungen der Europäischen Union richtig, in den nächsten Jahren die Standards zur Luftqualität weiter zu verschärfen. Kurz vor Ende des Jahres der Luft hatte der zuständige EU-Umweltkomissar dafür ein Maßnahmenpaket vorgestellt. Janez Potočnik schätzt, dass diese Maßnahmen bis 2030 pro Jahr rund 3,4 Milliarden Euro kosten, aber etwa das Zwölffache an Nutzen bringen werden, durch geringere Gesundheitskosten sowie höhere Produktivität und Ernteerträge. Nach Angaben der neuesten Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben weltweit jedes Jahr etwa sieben Millionen Menschen an den Auswirkungen von Luftverschmutzung. Verunreinigte Luft ist laut den WHO-Experten die größte tödliche Gefahrenquelle für die Gesundheit der Menschen. Jeder achte Todesfall weltweit lässt sich auf dieses Problem zurückführen.

Smog wie Anfang der 1950er Jahre in London oder heute in Nord-China bzw. Südost-Asien kann sich in Europa niemand mehr vorstellen. Auch der Himmel über dem Ruhrgebiet ist nun regelmäßig wieder blau. Das gilt ebenfalls für das mitteldeutsche Industrierevier rund um Leipzig, das noch vor 20 Jahre sehr unter Luftverschmutzung gelitten hatte. Langzeitbeobachtungen des TROPOS konnten belegen, dass die Schwefel- und Staubemissionen in den 90er Jahren kontinuierlich gesunken sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass dies erst durch eine moderne und effiziente Energieerzeugung und technologisch hochentwickelte Industrieproduktion möglich wurde. In einer globalisierten Welt, in der Handyakkus in China, Stahl in Indien oder Texttilien in Bangladesh produziert werden, sind eben nicht nur die CO2-Emissionen dorthin verlagert worden, sondern auch die Luftverschmutzung. Mit dem Finger auf die Schwellenländer zu zeigen, die den Preis für unseren intensiven Konsum zahlen, verbietet sich deshalb.

Die Richtlinien der EU von 1996 und 2008 haben in den letzten Jahren für Verbesserungen gesorgt, aber auch für Einschränkungen bei Betroffenen, die beispielsweise mit ihren alten Diesel-PKWs nicht mehr in Städte mit Umweltzonen fahren dürfen. Umweltzonen sind nur eine von vielen Maßnahmen, um die Vorgaben der EU zu erfüllen. In Leipzig konnten Messungen des Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und des TROPOS belegen, dass der besonders gefährliche Dieselruß um etwa ein Drittel in der Stadt Leipzig seit Einführung der Umweltzone zurückgegangen ist. Um weitere zielgerichtete politische Entscheidungen treffen zu können, wären systematische Messungen nötig. Die Technologie dafür existiert und funktioniert. Das konnten TROPOS-Wissenschaftler in Projekten wie UltraSchwarz oder UFIREG zeigen. Die Gesetzgeber scheuen jedoch die Kosten, die eine flächendeckende Erweiterung des Messnetzes um schwarzen Kohlenstoff verursachen würde. Auch zu einem Richtwert, der ein deutlicher Indikator für Luftverschmutzung wäre, konnte sich die EU bisher nicht durchringen. Dabei kommt es nicht nur auf die Menge der Rußemissionen, sondern auch auf die Größe der Feinstaubpartikel an. Je kleiner sie sind, desto problematischer sind sie für die Gesundheit. Wir unterstützen daher Regelungen, die einen Wert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter für Feinstaubpartikel der Größenklasse unter 2.5 Mikrometer (PM2.5) bis 2020 vorsehen.

Während sich die öffentliche Diskussion in Deutschland vor allem auf den Feinstaub konzentriert, bereiten den Experten inzwischen auch andere Stoffe Sorgen: bodennahes Ozon, Schwefeldioxid (SO2) und Stickoxide (NOx). Bodennahes Ozon bildet sich bei chemischen Reaktionen aus diversen „Vorläufersubstanzen", die aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, dem Straßenverkehr, Abwässern, Waldbränden oder der Vegetation kommen. Hohe Konzentrationen bodennahen Ozons können Atemprobleme verursachen und treten vor allem im Sommer bei Hitze auf. Deutschland hat sich unter anderem verpflichtet, zwischen 2020 und 2029 jedes Jahr die Emissionen für SO2 um 21 Prozent und für NOx um 39 Prozent gemessen am Ausstoß von 2005 zu reduzieren. Bei modernen Dieselfahrzeugen ist inzwischen nicht mehr der Feinstaub und das CO2 sondern der NOx-Ausstoß das große Problem. Ob dies durch moderne Katalysatoren tatsächlich in den Griff zu bekommen ist, wird sich erst zeigen, wenn ab 2015 nur noch Fahrzeuge zugelassen werden, die die Euro-6-Abgasnorm erfüllen.

Was kaum jemand weiß: als Quelle für Feinstaub haben Heizungen inzwischen hierzulande den Verkehr deutlich überholt. Dass eine neue Richtlinie mittelgroße Feuerungsanlagen mit Wärmeleistungen von 1 bis 50 MWth regulieren wird, ist daher ein richtiger Schritt. Vor allem in Osteuropa ist hier noch viel Potenzial vorhanden. Auch wenn eine Regulierung unpopulär ist, wird sich die EU früher oder später mit den kleinen individuellen Heizungen befassen müssen. Messungen des TROPOS konnten zeigen, dass auch beim Verbrennen von Holz was gemeinhin als klima-neutral gilt, krebserzeugende Substanzen emittiert werden. Die Holz-Verbrennung ist demnach nicht luftqualitäts-neutral. Wenn Abfälle aller Art verbrannt werden und die Heizung zu einer Mini-Müllverbrennungsanlage wird, wie dies in osteuropäischen Ländern aus ökonomischen Gründen immer noch vorkommt, dann kann die Konzentration an Schadstoffen schnell bedenkliche Werte erreichen. Ein einziger undisziplinierter Hausbesitzer reicht bei einer typischen winterlichen Inversionswetterlage aus, um quasi ein ganzes Tal "auszuräuchern". Oft bleiben solche Gefährdungen  von den Behörden unbemerkt, da deren Messnetze vorwiegend die großen Städte abdecken. Vielleicht gibt es in einigen Jahren kostengünstige Sensoren, die Bürger, ähnlich einer Wetterstation, selber aufbauen und zu einem Netz verknüpfen können. Verschiedenste Ansätze von Citizen Science aus anderen Bereichen haben gezeigt, dass engagierte Bürger durch die Vernetzung über soziale Medien viel bewegen können. Solche Ansätze könnten auch hierzulande von Nutzen sein, da der Trend zum Kaminofen nach wie vor ungebrochen ist. Nasses Holz, falsche Ofen-Bedienung oder fehlende Filter sorgen dann erneut für hohe Feinstaubkonzentrationen.

Das Maßnahmenpaket "Saubere Luft für Europa" für den Zeitraum bis 2030 ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dennoch gibt es auch in den kommenden Jahren noch viel zu tun, bis die Luftqualiät auch in den Ballungsräumen hierzulande ein Niveau erreicht hat, das der Qualität eines kontroilliertem Lebensmittels wie zum Beispiel des Trinkwassers in Deutschland entspricht.

Andreas Macke
(26.03.2014)

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