Kolumne "Zur Sache"

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Prof. Dr. Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand und Sprecher des Vorstands des Helmholtz-Zentrums Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

(c) GFZ

Wir sind Zeitzeugen einer vergleichsweise starken globalen und schnell ablaufenden Klimaänderung. Seit dem Einsetzen der Industrialisierung vor etwa 140 Jahren stieg die globale Mitteltemperatur um etwa 0,8 °Celsius. Außer Zweifel steht, dass neben natürlichen Ursachen der Mensch mit seinem Handeln, also der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, der damit verbundenen Freisetzung von Treibhausgasen (wie CO2) in die Atmosphäre und seiner extensiven Landnutzung ursächlich an diesem Prozess beteiligt ist.

Wir Naturwissenschaftler bezeichnen solche schnellen Wechsel im natürlichen System Erde als abrupt. Ein abrupter Klimawechsel würde heute eine besondere Herausforderung für die Menschheit darstellen, weil für komplexe Gesellschaften die Zeit, sich auf neue Klima- und Umweltbedingungen einzustellen, sehr kurz wäre. Zudem ist die Anfälligkeit moderner Gesellschaften sehr hoch. Noch bestehen jedoch große Unsicherheiten, ob wir uns derzeit an der Schwelle zu einem plötzlichen Klimawechsel befinden und was die möglichen Konsequenzen wären.

Auch wenn der Begriff „abrupt“ impliziert, dass es sich um einen unvermittelten Vorgang ohne Vorwarnung handelt, ist nicht klar, ob es nicht doch prognostische Symptome gibt, die auf einen bevorstehenden Regimewechsel im Klimasystem hinweisen. Ein entscheidender Grund für die bestehenden Wissenslücken ist, dass es in historischen Zeiten keinen plötzlichen Klimawandel gegeben hat und somit präzise Beobachtungen oder gar Messdatenfehlen. Die einzig mögliche Informationsquelle sind daher geologische Archive, die das Klima der Vergangenheit, das Paläoklima, und seine Änderungen aufgezeichnet haben.

Da jedoch die Auswirkungen des Klimawandels regional verschieden sind, stellt sich unmittelbar die Frage: Anpassung woran, an welche Veränderungen? Die Herausforderungen an Anpassungsstrategien sind vielfältig und komplex, wobei unterschiedliche Regionen auch von gegensätzlichen Folgen des Klimawandels betroffen sein können. Gerade hier kann die Paläoklimaforschung Antworten geben, indem sie Veränderungen aus der Vergangenheit für spezifische Regionen unter jeweils verschiedenen Klimabedingungen offenlegt. Das Motto heißt: Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.

Allerdings besteht im Bereich der Paläoklimaforschung sowie bei der regional ausgerichteten Klimamodellierung noch erheblicher Forschungsbedarf. Diese im Fokus der wissenschaftlichen und der gesellschaftlichen Diskussion stehenden Themen sind für mich persönlich und das von mir geleitete Deutsche GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam, von großem Interesse.

Eine effektive Klimapolitik umfasst somit aus meiner Sicht sowohl die Vermeidung des Klimawandels durch CO2-Reduzierung als auch die Anpassung an dessen bereits unausweichlichen Folgen. Vermeidung (Mitigation) und Anpassung (Adaption) ergänzen sich im Sinne eines Policy-Mix und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Neben der Verfolgung globaler Emissionsminderungsziele sollte sich Deutschland deshalb auf einen Klimawandel einstellen und vorbereiten, wie es auch im Positionspapier „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech zum Ausdruck gebracht wird.

Prof. Dr. Reinhard Hüttl
(3.11.2014)

Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard F. J. Hüttl ist Wissenschaftlicher Vorstand und Sprecher des Vorstands des Helmholtz-Zentrums Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ.

Er ist zudem Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und koordinierte das acatech Projekt „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik“.

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