Kolumne "Zur Sache"

Wo stehen die internationalen Klimaschutzverhandlungen nach Lima?

Prof. Dr. Mojib Latif, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Leiter Forschungsbereich 1: Ozeanzirkulation und Klimadynamik

Die 20. Vertragsstaatenkonferenz fand vom 1.-14. Dezember 2014 in Lima, der Hauptstadt Perus, statt. Von ihr sollte das Signal ausgehen, dass man sich demnächst auf einen neuen Weltklimavertrag einigen wird, der das Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1997 ablöst. Das Ergebnis von Lima war niederschmetternd. Man ist geneigt hinzuzufügen „wie erwartet“. Eine Einigung gab es so gut wie in keinem Punkt. Nach nunmehr 20 Weltklimakonferenzen steht die internationale Klimaschutzpolitik vor einem Scherbenhaufen.

Im Jahr 1992 fand der Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro statt. Er sollte der Aufbruch in eine nachhaltige Entwicklung der Menschheit sein. Die Kehrtwende in eine Zukunft ohne Raubbau an der Natur. Gewissermaßen eine Antwort auf die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahr 1972. In der Klimarahmenkonvention von Rio de Janeiro hat sich die Weltgemeinschaft damals darauf verständigt, „…die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“. Über zwanzig Jahre später ist die Ernüchterung groß. So sind seit Beginn der 1990er Jahre die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen förmlich explodiert. Das gilt insbesondere für den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), der seit Beginn der 1990er Jahre um ca. 60 Prozent gestiegen ist.

„Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar“. So lautet der wohl wichtigste Satz aus dem letzten (fünften) Synthesebericht des so genannten Weltklimarats, dem IPCC, vom Oktober 2014. So neu ist diese Erkenntnis nicht, die Hunderte von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Ländern zu Papier gebracht haben. In allen bisherigen Berichten des IPCC - der erste erschien 1990 - findet man ähnliche Passagen. Einen Mangel an Wissen über die Ursachen des Klimawandels und seine möglichen Folgen gibt es nicht. Man eilt von Weltklimakonferenz zu Weltklimakonferenz. Jedes Jahr findet eine statt. Und trotzdem passiert genau das Gegenteil von dem, was passieren müsste: Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen steigt unaufhörlich.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Internationaler Klimaschutz findet nicht statt und wird wohl auch nach Paris nicht stattfinden. Dort, auf der dann 21. Vertragsstaatenkonferenz, will man Ende 2015 einen neuen Klimavertrag unterzeichnen, der 2020 in Kraft treten soll. Der Vertragstext wird dem Ziel der Klimarahmenkonvention von Rio in keiner Weise gerecht werden. Die größten Verursacher von Treibhausgasen China und die USA haben bereits ihre mageren Ziele bekannt gegeben. Was die USA vorschlagen klingt gut, ist aber dürftig. Sie haben das Referenzjahr auf 2005 festgelegt. Alle anderen Staaten beziehen sich auf 1990. Da der Treibhausgasausstoß in den USA zwischen 1990 und 2005 erheblich angewachsen ist, kommt der Verschiebung des Referenzjahres große Bedeutung zu. Denn die USA bleiben damit weit hinter den Zielen der EU zurück, die ihren Ausstoß bis 2030 um mindestens 40 Prozent verringern will. Und auch die EU selbst bleibt damit hinter ihren ursprünglichen Zielen zurück. So viel steht schon heute fest. China andererseits, inzwischen mit einem Anteil von 27 Prozent Spitzenreiter bei den weltweiten CO2-Emissionen, hat erklärt, dass es seinen Ausstoß bis 2030 weiter steigern wird.

Die historische Verantwortung für die Klimaerwärmung liegt hauptsächlich bei den Industrieländern. So zeichnen sowohl die USA als auch die EU-28 für jeweils etwa ein Viertel der kumulierten CO2-Emissionen seit 1870 verantwortlich. Es sind die kumulierten Emissionen, die wegen der langen Verweilzeit von CO2 in der Atmosphäre den heutigen CO2-Gehalt der Luft bestimmen. China hat in dieser Rechnung einen Anteil von 11 Prozent, Indien von nur 4 Prozent. Wenn sich die Industrieländer nicht ihrer historischen Verantwortung stellen und keine couragierten Klimaschutzziele anbieten, werden sich auch die Schwellenländer auf den Verhandlungen nicht bewegen. Ein weiterer Punkt: Länder wie China produzieren nicht nur für den heimischen Markt sondern auch für die Industrieländer. Diese „grauen“ Emissionen müssten sich die Industrieländer teilweise anrechnen lassen.

Das Fazit: Die Industrieländer sind in den Augen der Entwicklungs- und Schwellenländer nicht glaubwürdig. Gegenseitiges Vertrauen wieder aufzubauen wäre das Wichtigste bei den kommenden Beratungen auf internationaler Ebene. Hier müssen alle Länder über ihren Schatten springen. Nur dann machen die Konferenzen einen Sinn. Die Klimakrise ist ein Beispiel für ein globalisiertes Problem, das die Weltgemeinschaft nur gemeinsam lösen kann.

Prof. Dr. Mojib Latif
(15.01.2015)

Prof. Dr. Mojib Latif ist Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik und Leiter der Forschungseinheit Maritime Meteorologie am GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er ist Autor der IPCC Berichte 2001 und 2007.


 

 

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