Kolumne "Zur Sache"

Biokraftstoffe – Zeit für eine Neubewertung

Prof. Gernot Klepper, Institut für Weltwirtschaft (IfW), Dr. Norbert Schmitz, ISCC Germany und Dr. Jan Henke, Meo Carbon Solutions GmbH

„Tank statt Teller“ – der Schmähruf hat seine Wirkung nicht verfehlt: Biokraftstoffe haben ein schlechtes Image. Sie machen der Lebensmittelproduktion die Anbauflächen streitig und unterm Strich sparen sie wenig Treibhausgase ein, so der Vorwurf. Schaut man allerdings aktuelle Forschungsergebnisse sowie technische und gesetzliche Entwicklungen an, ist es höchste Zeit für eine Neubewertung. Denn das Ziel Klimaschutz lässt sich mit Biokraftstoffen inzwischen effizienter erreichen, als etwa mit teuren Programmen zur Solarförderung oder E–Mobilität.

Vorwurf 1: Die Herstellung von Biokraftstoffen ist klimaschädlich. Tatsächlich hatte die staatliche Förderung zu Beginn erst einmal nur die wachsende Menge von Biokraftstoffen im Blick – und nicht ihre nachhaltige Produktion. Doch das hat sich längst geändert. Schon jetzt müssen Biokraftstoffe, um als solche anerkannt zu werden, mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase verursachen als fossile Kraftstoffe. Ab 2017 steigt diese Quote auf 50 Prozent, ab 2018 gilt für neue Produktionsanlagen ein Ziel von 60 Prozent. Und dafür wird die komplette Wertschöpfungskette von der landwirtschaftlichen Produktion der Rohstoffe bis zum Endprodukt erfasst und zertifiziert. 

Vorwurf 2: Biokraftstoffe verteuern Lebensmittel und verändern die Landnutzung zum Schlechteren. Diese Bewertung beruht auf alten Modellberechnungen. Inzwischen stehen der Wissenschaft deutlich präzisere Modelle zur Verfügung. Diese zeigen klar: Treiber der Ausweitung von Anbauflächen ist die steigende Fleischproduktion und damit der immer höhere Bedarf an Futtermitteln – etwa aus Soja, Raps oder Getreide. Wollte man mit diesen Rohstoffen nur den Bedarf der Biokraftstoff-Industrie decken, würden viel geringere Flächen ausreichen, als in den vergangenen Jahren neu erschlossen wurden. Beispiel Soja: Die Bohnenpflanze wird weltweit auf 110 Mio. Hektar angebaut. Für den weltweit aus Sojaöl hergestellten Biodiesel (etwa 10 – 15 Prozent der weltweiten Biodieselproduktion) würden aber schon 5 bis 6 Mio. Hektar ausreichen. Trotz der Ausweitung der Biokraftstofferzeugung in den letzten Jahren sind die Preise für Getreide und Pflanzenöle gefallen. Von einer Verteuerung der Lebensmittel kann also keine Rede sein. 

Vorwurf 3: Klimaschutz ist mit Biokraftstoffen nur teuer zu erreichen. Vor einigen Jahren rechneten Studien vor,die Einsparung einer Tonne CO2 koste durch Biokraftstoffe 200 bis 400 Euro. Doch die Produktionstechnik und -effizienz haben sich so stark verbessert, dass die Kosten mittlerweile höchstens noch 60 bis 100 Euro betragen. Die besten Anlagen erwirtschaften sogar positive Erträge. Dagegen schlägt jede durch Sonnenstrom von Photovoltaikanlagen eingesparte Tonne CO2 mit Kosten von 540 Euro zu Buche und kostet Deutschland so jährlich 10 Mrd. Euro. Auch Elektroautos bieten in der Klimabilanz aktuell keinen Vorteil. Die Fahrzeuge sind ja nicht emissionsfrei, wie es die Autoindustrie gerne suggeriert, sie zapfen Strom ab, der zum Teil aus fossilen Energieträgern hergestellt ist. Beim heutigen Strommix in Deutschland verursachen die Fahrzeuge einen CO2-Ausstoß von 100 Gramm pro Kilometer. Wer dagegen mit Verbrennungsmotor und Biokraftstoffen unterwegs ist, kommt nur auf 25 bis 80 Gramm – abhängig vom eingesetzten Rohstoff. Selbst wenn der Strommix auf 50 Prozent Erneuerbare anstiege, könnte der Elektroantrieb in Sachen Klimaschutz gerade einmal mit den Biokraftstoffen gleichziehen. 

Um wirklich mehr Klimaschutz zu erreichen, sollten die Anreize so gesetzt werden, dass vor allem die Technologien gefördert werden, die die größte Treibhausgaseinsparung zu möglichst geringen Kosten bewirken. Gerade in dieser Hinsicht sind die Biokraftstoffe inzwischen viel besser als ihr Ruf!

Prof. Gernot Klepper, Dr. Norbert Schmitz und Dr. Jan Henke
(01.04.15)

Prof. Gernot Klepper ist Leiter des Forschungsbereichs „Umwelt und natürliche Ressourcen“ am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Dr. Norbert Schmitz ist Geschäftsführer der International Sustainability Carbon Certification (ISCC) in Deutschland. Dr. Jan Henke ist bei der Meo Carbon Solutions GmbH in Köln zuständig für erneuerbare Energien.

 

 
Prof. Gernot Klepper

 

 
Dr. Norbert Schmitz


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Dr. Jan Henke

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