Kolumne "Zur Sache"

Ein riesiger Eisberg ist entstanden

Dr. Daniela Jansen © Alfred-Wegener-Institut

In der Antarktis hat sich einer der größten Eisberge abgelöst, die jemals beobachtet wurden. Was das für die Region bedeutet und warum kein direkter Zusammenhang zum Klimawandel besteht, erklärt Dr. Daniela Jansen.

Ein Editorial von Dr. Daniela Jansen, Alfred-Wegener-Institut

Im Juli schaute alle Welt auf die Antarktische Halbinsel: Ein riesiger Eisberg löste sich vom Larsen-C-Schelfeis. Der Gigant ist etwa 175 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle 50 Kilometer breit – und damit fast sieben Mal so groß wie Berlin. Die Entstehung ließ sich mit Hilfe von Satellitenaufnahmen bestens aus der Ferne beobachten. Als Glaziologin und Projektpartnerin des MIDAS Projekts habe ich das Phänomen seit Monaten beobachtet. In dem Forschungsprojekt der Swansea University erforschen wir in Feldexperimenten, mit Satellitenbeobachtungen und Computersimulationen, wie sich Klimaveränderungen auf das Larsen-C-Schelfeis in der Antarktis auswirken.

Der Riss im Schelfeis hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vorgearbeitet und gerade im letzten Jahr hat er einige große Sätze nach vorne gemacht. Im Juli hat sich der Eisberg dann komplett vom Larsen-C-Schelfeis abgelöst. Nun stellt sich die Frage: Ist dies nur ein spannendes Naturschauspiel oder wird es weitere Folgen für die Region haben? Das beobachten wir genau.

Es gibt derzeit noch keine Hinweise darauf, dass der Abbruch dieses Eisberges direkt mit der Erwärmung in der Region zusammenhängt. Das Kalben von Tafeleisbergen ist an sich ein natürlicher Prozess. Bei Larsen C stellt sich allerdings die Frage, warum ein Eisberg "zu früh" abbricht – sprich, warum die Kalbungsfront weiter zurückgeht als sonst. Eine mögliche Erklärung dafür wäre die Entwicklung der Meereisbedingungen vor der Eisfront: Schon seit den 1970er Jahren zieht sich das mehrjährige dicke Meereis zurück, welches einen stabilisierenden Einfluss auf die großen Risse im Schelfeis haben könnte. Die Meereisbedingungen wiederum hängen mit dem lokalen und dem regionalen Klima zusammen. Diese Zusammenhänge müssen noch genauer untersucht und verstanden werden.

Der bereits geschehene komplette Zerfall der Schelfeise an der Antarktischen Halbinsel, der von Norden nach Süden voranschreitet, hat dagegen durchaus etwas mit der lokalen Erwärmung zu tun. Bei der Antarktischen Halbinsel stiegen die Temperaturen zwischen 1951 und 2000 um 2,8 Grad, seitdem stagnieren sie.

Das Schmelzen des Schelfeises und des neuen Eisbergs würde nichts am Meeresspiegel ändern, da beide bereits im Wasser schwimmen. Relevant für den Meeresspiegel wird es erst, wenn auch die Gletscher beeinflusst werden, die in das Schelfeis münden. Dennoch wäre der Beitrag zum Meerespiegelanstieg verhältnismäßig gering, da diese Gletscher nur das Plateau der Antarktischen Halbinsel als Einzugsgebiet haben. Für uns Forschende sind die Vorgänge am Larsen C dennoch ausgesprochen interessant, weil sie uns die Möglichkeit bieten, die beitragenden Prozesse besser zu verstehen. Dieses neue Wissen können wir in unsere längerfristigen Modellsimulationen einlaufen lassen, mit denen wir auch die größeren Schelfeise der Antarktis betrachten. Und je genauer unsere Modelle sind, desto besser können wir die Zukunft der antarktischen Eismassen vorhersagen.

 

Zur Autorin
Dr. Daniela Jansen
forscht am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Auf dessen Website gibt es weitere Bilder, Videos und Hintergrundinformationen. Jansen ist Projektpartnerin des MIDAS Forschungsprojekts.

 

 

09. August 2017

Bildnachweis: © Alfred-Wegener-Institut

Zurück

© 2018 DKK - alle Rechte vorbehalten