Kolumne "Zur Sache"

Migration als eine Anpassung an den Klimawandel

Kathleen Hermans © A. Künzelmann

Kathleen Hermans entwirrt in ihrer Kolumne das komplexe Geflecht von Klimawandel und Migration – und erklärt es anhand ihrer Forschung in Äthiopien.

Ein Editorial von Dr. Kathleen Hermans, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

„Klimaflüchtlinge durch Hurrikan“ titelt das Handelsblatt. „Der Klimawandel vernichtet Entwicklungserfolge wie kaum eine andere Kraft“, sagt die Präsidentin von Brot für die Welt im Interview mit der Zeit. In den Medien ist mein Forschungsthema – die klimabedingte Abwanderung – sehr präsent und regelmäßig werden uns Zahlen von noch zu erwartenden, sogenannten Klimaflüchtlingen präsentiert. Viele dieser Prognosen beruhen jedoch auf groben Schätzungen, starken Verallgemeinerungen oder wurden wissenschaftlich nicht geprüft. Aber auch unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht kein Konsens darüber, wie der Klimawandel die Migration von Menschen beeinflusst.

Mit meiner neu gegründeten Leipziger Arbeitsgruppe untersuche ich dieses komplexe Geflecht von Ursachen und Wirkungen zwischen Klimawandel und Migration. Dabei betrachten wir eine Vielzahl sozialer, politischer und ökonomischer Faktoren und deren Beziehung zum Klimawandel, um so die Ursachen für Migration besser verstehen zu können.

Viele unserer empirischen Arbeiten finden in Äthiopien statt. Das erste Mal hat unser Team das Land im Jahr 2015 während der damaligen El-Niño-Dürre besucht. Wir haben im nördlichen Hochland Kleinbauern zu den Folgen der Dürre befragt und untersucht, inwiefern Abwanderung eine Strategie zur Anpassung an diese extreme Situation darstellt. Interessant für uns war, dass die deutliche Mehrheit aller befragten Haushalte in irgendeiner Form in Wanderungsbewegungen involviert war. Migration findet in Äthiopien aber nicht als Massenabwanderung statt, sondern vielmehr verlassen einzelne Familienmitglieder für einen – oftmals begrenzten – Zeitraum die Heimat. Die Gründe sind sehr vielfältig und umfassen Perspektivlosigkeit im ländlichen Raum, Armut, Verschlechterung der Böden, Landknappheit sowie den stets unzuverlässiger werdenden Niederschlag. Es kann somit keinesfalls von einer reinen klimabedingten Abwanderung gesprochen werden.

In unseren aktuellen Arbeiten nutzen wir diverse Methoden, um die komplexen Zusammenhänge zu entflechten. Für Äthiopien werten wir beispielsweise Niederschlagsdaten aus, um Veränderungen der Niederschlagsvariabilität innerhalb der vergangenen 20 bis 30 Jahre zu verstehen. Durch die Kombination von Fernerkundungsdaten zu Vegetationsveränderungen mit Niederschlags- und Bevölkerungsdaten konnten wir potenzielle Abwanderungsgebiete identifizieren. In einer dieser Regionen werden wir noch dieses Jahr Befragungen mit Kleinbauern und Experten durchführen, um den Einfluss von Niederschlagsveränderungen auf deren Existenzgrundlage zu erforschen. Dabei arbeiten wir sowohl in tiefer gelegenen Regionen als auch in afroalpinen Gebieten. Dies ermöglicht uns, spezifische Folgen des Klimawandels für unterschiedlichen Höhenlagen sowie dessen Einfluss auf die Bevölkerung zu betrachten – etwa die Veränderung der Niederschlagvariabilität oder das Ausbreiten klimabedingter Pflanzenkrankheiten.

Unser Team entwickelt derzeit ein Simulationsmodell, das uns ein verbessertes Verständnis der menschlichen Entscheidungsprozesse ermöglichen soll, wenn es um Abwanderung vor dem Hintergrund des Klimawandels geht. Damit wollen wir aber keinesfalls neue Prognosen von Migrationsströmen aus vom Klimawandel betroffenen Gebieten erstellen. Vielmehr möchten wir menschliche Entscheidungen bezüglich Migration im Zuge des stattfindenden Klimawandels besser verstehen.

Aber natürlich ist nicht nur Äthiopien von den Folgen des Klimawandels betroffen. Daher analysieren wir derzeit bereits veröffentlichte Forschungsergebnisse aus weiten Teilen Afrikas, um international verlässliche Aussagen treffen zu können, wie sich Gesellschaften an den Klimawandel anpassen können und inwiefern Migration eine der möglichen Strategien ist.

 

Zur Autorin
Dr. Kathleen Hermans leitet die Nachwuchsforschungsgruppe „MigSoKo – Globaler Umweltwandel und Migration: Ein Teufelskreis?“ am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

 

 

29. September 2017

Bildnachweis: © A. Künzelmann

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