Kolumne "Zur Sache"

Ein 325-Meter-Turm im Dschungel für die Klimaforschung

Prof. Dr. Jürgen Kesselmeier © MPI-C, C. CostardProf. Susan Trumbore © MPI-BGC, Sven Doering

Der einzigartige Messturm weit weg von menschlichen Einflüssen liefert Daten aus der atmosphärischen Grenzschicht. Was 2007 als gewagte Idee begann, geht jetzt in den regelmäßigen Betrieb über. Der erste Leiter und die neue Leiterin aus Deutschland blicken in dieser Kolumne gemeinsam zurück.

Ein Editorial von Prof. Jürgen Kesselmeier, Max-Planck-Institut für Chemie, und Prof. Susan Trumbore, Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Eine Million Quadratkilometer und damit vermutlich das größte zusammenhängende Waldgebiet der Erde “überblickt” das Amazon Tall Tower Observatory (ATTO). Der 325 Meter hohe Turm inmitten des brasilianischen Regenwaldes sammelt einzigartige Daten zu den Wechselwirkungen von Biosphäre und Atmosphäre. Nur eine so hohe Konstruktion bietet die Möglichkeit, Messungen in der gut durchmischten atmosphärischen Grenzschicht (boundary layer) durchzuführen, die in Amazonien bis zu 1600 Meter hoch ist. In diesen Höhen kann man Einflüsse der Oberflächenschicht von null bis 200 Meter über dem Wald weitgehend ausschließen. Dies ist bedeutsam, da diese Schicht durch den Tagesrhythmus der Vegetation mit Fotosynthese und Atmung sehr heterogen sein kann.

Doch ATTO ist mehr als nur ein Turm, der 150 km nordöstlich von Manaus weit in die Atmosphäre ragt. Es ist ein einmaliger Forschungsstandort mit einer beeindruckenden Infrastruktur, die ein Camp für bis zu 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Stromversorgung und klimatisierte Laborcontainern umfasst. Neben dem Hauptturm gibt es zwei weitere 80-Meter-Messtürme. An ihnen erfolgen bereits seit 2010 kontinuierliche Messungen von Spurengasen und Aerosolpartikeln.

Und nicht zuletzt ist ATTO das Ergebnis einer erfolgreichen deutsch-brasilianischen Kooperation, die in den vergangenen acht Jahren realisiert wurde: Was 2007 mit einer Idee von Prof. Meinrat O. Andreae am Max-Planck-Institut für Chemie begann, einen so hohen Turm an einer Stelle zu errichten, die von menschlichen Einflüssen so weit wie möglich entfernt ist, mündete in diesem Jahr in der langzeitigen Implementierung eines Forschungsstandortes, der für die Erdsystemforschung weltweit von Bedeutung ist: ATTO liefert Daten, die uns helfen, die Austauschvorgänge von Vegetation und Atmosphäre unter den Bedingungen der globalen Klimaveränderungen besser zu verstehen. Ermöglicht hat das Projekt eine Vereinbarung der Wissenschaftsministerien Brasiliens und der Bundesrepublik Deutschland. Umgesetzt werden konnte es jedoch erst durch die Unterstützung zahlreicher wissenschaftlicher Partner und das außergewöhnliche Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken.

Nach Fertigstellung der wissenschaftliche Infrastruktur am und um den hohen Messturm und ersten Pilotprojekten tritt das Projekt nun in eine neue Phase: In den nächsten Jahren werden atmosphärischen Daten erhoben und die Rolle von Vegetation und Boden im Zusammenspiel mit dem Klimageschehen an diesem außergewöhnlichen Standort untersucht.

 

Zu den Autoren

Prof. Dr. Jürgen Kesselmeier war bis Ende Mai 2017 Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie (MPI-C) in Mainz und ist außerplanmäßiger Professor im Fachbereich Biologie der Universität Mainz. Er war in den Jahren 2009 bis 2017 von deutscher Seite aus verantwortlich für das Projekt ATTO, das in diesem Jahr an das Max-Planck-Institut für Biogeochemie übergeben wurde.

Prof. Susan Trumbore, Phd, ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI-BGC) in Jena und leitet die Abteilung Biogeochemische Prozesse. Seit 2017 leitet sie als Koordinatorin von deutscher Seite das ATTO-Projekt.

 

Zur Förderung des ATTO-Projekts

Die Arbeiten werden von deutscher Seite aus maßgeblich durch die Max-Planck-Gesellschaft und das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert, das bereits den Bau von ATTO ermöglichte.

 

13. Dezember 2017

Bildnachweise: Prof. Jürgen Kesselmeier © MPI-C, C. Costard / Prof. Susan Trumbore © MPI-BGC, Sven Doering

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