Kolumne "Zur Sache"

Durch Achtsamkeit zum klimaverträglichen Leben

Yoga und Meditation haben Hochkonjunktur. Warum Achtsamkeitspraxis auch gut für das Klima ist, erklären Dr. Thomas Bruhn und Ida Schepelmann.

Ein Editorial von Dr. Thomas Bruhn und Ida Schepelmann, Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hinsichtlich Nachhaltigkeit auf der technischen Seite viel getan, aber unsere Verhaltensweisen sind vielfach schädlicher geworden. Das zeigt, dass eine Auseinandersetzung mit unserer konsumorientierten Lebensweise immer relevanter wird. Wie können sogenannte suffiziente Lebensstile kultiviert werden, die ein gutes Leben mit minimalem materiellem Ressourcenbedarf ermöglichen? 

Viele Menschen sehen diese Diskussion vor allem unter dem Gesichtspunkt des Verzichts – zum Beispiel Verzicht auf Fleisch, Flugreisen und Autofahrten. Für andere geht es vielmehr darum, Werte in den Vordergrund zu rücken, die unter einer konsumorientierten Lebensweise leiden. Sie begreifen Suffizienz als Wertewandel von einem Haben- zu einem mehr Seins-orientierten Leben. Aus diesem Blickwinkel wird Nachhaltigkeit zu einer kulturellen Herausforderung. Denn technologische Neuerungen oder politische Reglementierungen allein reichen nicht aus, um Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, wenn die kulturelle Lebensweise weiterhin Konsum in den Mittelpunkt stellt. 

Nach ersten Diskussionen hierzu in den neunziger Jahren betonte auch der einflussreiche Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2011 die Relevanz eines kulturellen Wandels hin zu einer Kultur der Achtsamkeit und Teilhabe. 

Seit einiger Zeit erfährt die Kultivierung von Achtsamkeit etwa durch Meditation und Yoga enorme gesellschaftliche Beachtung. Achtsamkeit beruht hierbei auf einer 2500 Jahre alten buddhistischen Meditationspraxis und bezeichnet eine bewusst wahrnehmende, nicht wertende Geisteshaltung gegenüber dem gegenwärtigen Moment, für das Jetzt. 

Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass sich Achtsamkeit gezielt trainieren lässt und zu einer gesteigerten Wahrnehmung und höheren Konzentration führt. Aufgenommenes wird weniger bewertet, die Identifizierung mit eigenen Gefühlen und Gedanken ist geringer. Neben einer Reihe gesundheitlicher Potenziale trägt Achtsamkeitspraxis damit dazu bei, dass Praktizierende eine erhöhte Reflexionsfähigkeit haben und reaktiven Verhaltensmustern weniger stark verhaftet sind.

In dieser Hinsicht birgt Achtsamkeitstraining ein wertvolles Potenzial für einen kulturellen Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Es kann wichtige Impulse geben für eine vermehrte Abkehr von materialistischen Werten, ein leichteres Überwinden alter Gewohnheiten und eine stärkere Fokussierung auf das Selbst. Der Neurowissenschaftler Ulrich Ott formuliert es so: „Wenn Sie erkennen, wer Sie sind, zu sich kommen und Ihre innere Mitte finden, können Sie beginnen, selbstbestimmter zu leben und Diskrepanzen zwischen Ihrem Wollen und tatsächlichem Tun zu reduzieren.“ Und ist ein solches Bewusstsein nicht genau das, was wir brauchen, um Lebensstile zu kultivieren, die dem entsprechen, was wir eigentlich längst erkannt haben? Denn wenn wir das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Übereinkommens wirklich ernst nehmen, muss sich unsere Welt und unsere Lebensweise fundamental ändern.

Damit sind wir wohl an der Crux der Achtsamkeitsforschung innerhalb des Nachhaltigkeitsfelds angelangt. Obwohl viele der hier beschriebenen Zusammenhänge bereits lange bekannt sind, konzentriert sich der Nachhaltigkeits- und Klimadiskurs auf Effizienz- und Ökoeffektivitätsbestrebungen, während das Thema Suffizienz in den Hintergrund gedrängt wird. Vielleicht gerade weil es nicht bei den Symptomen ansetzt, sondern den Ursachen? Ist es zu unbequem, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen? Glauben wir wirklich, dass neue technologische Lösungen den Weiterbestand unseres industriellen Lebensstils sichern? Wälzen wir damit nicht die Kosten unserer Bequemlichkeit auf künftige Generationen ab?

Trauen wir uns doch an die schmerzhaften Fragen heran, die die eigentlichen Ursachen in den Blick nehmen! Was ist das gute Leben? Was brauchen wir wirklich? Und wie gelingt es uns, endlich gemäß unserer tieferen Erkenntnisse und Überzeugungen zu leben, um den Lebensraum Erde zu erhalten?

 

Eine Langfassung des Textes erschien am 30. April 2018 auch auf der Blogseite des IASS Potsdam. Eine englische Version ist dort ebenfalls zu finden.

 

Zu Autor und Autorin
Dr . Thomas Bruhn ist Physiker und leitet das Projekt Denkweisen und Geisteshaltungen für das Anthropozän (AMA) am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Ida Schepelmann ist Mitarbeiterin im Projekt und studiert Cultural Engineering.

 

27. April 2018

Bildnachweise: Dr. Thomas Bruhn: © IASS; Foto: Lotte Ostermann; Ida Schepelmann: L. Schünemann

 

 

 

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