Kolumne "Zur Sache"

Wofür Klima-Ökonom Nordhaus den Wirtschafts-Nobelpreis erhält

Wilfried Rickels © IfW

William D. Nordhaus kann als einer der Väter der Klimaökonomie gelten. Er ebnete den Weg für die sogenannten Integrated Assessment Modelle, die in der Forschung auch heute noch eine wichtige Rolle bei der Analyse globaler Klimapolitiken spielen. Umweltökonom Wilfried Rickels erklärt, was es damit auf sich hat.

Ein Editorial von Dr. Wilfried Rickels, Institut für Weltwirtschaft

William D. Nordhaus erhält neben Paul Romer den diesjährigen Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Die Auszeichnung geht also an einen Ökonomen, der den Klimawandel und dessen langfristige, wirtschaftliche Folgen für das Wachstum schon früh zu seinem Forschungsthema machte. Das Preiskommittee hob hervor, dass Nordhaus als einer der Ersten ein quantitatives Wachstumsmodell entwickelt hat, das die Kosten der CO2-Emissionsvermeidung den vermiedenen Schäden durch geringeren Klimawandel gegenüberstellt. Diese technisch klingende Begründung bedeutet für mich als Klimaökonom, dass es fast unmöglich ist, an Nordhaus zu denken ohne gleichzeitig das DICE-Modell im Kopf zu haben.

DICE steht für „Dynamic Integrated Climate-Economy“ und war eines der ersten Integrierten Bewertungsmodelle (integrated assessment model, IAM) für die Analyse globaler Klimapolitiken in den frühen neunziger Jahren.  Um die Auswirkungen der produktionsbedingten CO2-Emissionen zu berücksichtigen, beinhaltet das DICE ein einfaches Kohlenstoffmodell, das abbildet wie sich CO2 in der Atmosphäre anreichert, und ein einfaches Klimamodell, das die erhöhte CO2-Konzentration in einen Temperaturanstieg übersetzt, der wiederum die gesamtwirtschaftliche Produktion verringert.

Was heute für viele Anwenderinnen und Anwender integrierter Bewertungsmodelle als selbstverständlich gilt, war damals ein wichtiger Schritt bei der Bewertung des Klimawandels: die explizite Berücksichtigung von Rückkopplungen im Erdsystem als Folge wirtschaftlicher Entscheidungen. Darum kann es getrost als fast unmöglich bezeichnet werden, als Studentin oder Student im Bereich Umweltökonomie nicht mit dem DICE-Modell (und der regionalisierten Variante, dem RICE-Modell) in Berührung zu kommen — wie auch mit der geäußerten Kritik, die dem DICE-Modell entgegengebracht wurde.

Die vereinfachte deterministische Darstellung unterschiedlicher Prozesse im DICE-Modell, unter teilweise starken Annahmen, bildete (und bildet immer noch) den Ansatzpunkt für viele wirtschaftswissenschaftliche Doktorarbeiten, wissenschaftliche Publikationen und Diskurse, die sich mit diesen Aspekten auseinandersetzen, deren Implikationen aufzeigen und Verbesserungen vorschlagen. Die teilweise umfangreiche Kritik belegt deutlich die wissenschaftliche Leistung von Nordhaus: Der einfache und transparente Modellrahmen, der auf seiner Homepage frei verfügbar ist, erlaubt es die zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen Wachstum, technologischem Fortschritt, Bevölkerungsentwicklung und Klimawandel überhaupt erst so zu verstehen, dass man sie kritisieren kann.

Dabei hat Nordhaus seine Modelle immer wieder an neue Entwicklungen angepasst und revidiert, allerdings stets betont, wie wichtig ihm der überschaubare Ansatz bei seinem Modell bleibt. Unbestritten haben heute detailliertere und weitaus komplexere IAMs dem DICE-Modell den Rang in der quantitativen Bewertung von Klimawandel und -politiken abgelaufen. Allerdings mahnt uns Nordhaus zu Recht, dass wir uns fragen müssen, ob wir in diesen Modellen wirklich alle Implikationen und Wechselwirkungen unserer Modellannahmen vollständig verstehen und ob jede Modellerweiterung wirklich sinnvoll dazu beiträgt, unser Verständnis der Fragestellung zu erhöhen. Darum wird für das qualitative Verständnis des Wechselspiels zwischen Wirtschaftswachstum und Klimawandel und insbesondere die Untersuchung neuer Fragestellungen oder Politikoptionen, das DICE-Modell unverzichtbar bleiben – und auch zukünftigen Generationen von Umweltökonominnen und -ökonomen den Einstieg in diese komplexe Materie erlauben.

 

Zum Autor
Dr. Wilfried Rickels leitet den Forschungsbereich „Umwelt und natürliche Ressourcen“ am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Er untersucht wie die nachhaltige Nutzung des Ozeans insbesondere im Kontext der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) gemessen werden kann und welche Rolle und Bedeutung negative CO2-Emissionstechnologien sowie Strahlungsmanagement (Solar Radiation Management) für den optimalen Klimaschutz haben. Für diese Forschungsfragen ist die Anwendung von Integrated Assessment Modellen von besonderer Bedeutung.

 

15. November 2018

Bildnachweis: IfW

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