Kolumne "Zur Sache"

Wie sich die Städte in Baden-Württemberg mithilfe von Forschungsergebnissen auf den Klimawandel vorbereiten

Hans Schipper © KIT, Laila Tkotz

Die Folgen des Klimawandels betreffen uns alle. Aber was das konkret für Entscheidungen in Städten und Kommunen bedeutet, ist schwer greifbar. Deshalb hat das Süddeutsche Klimabüro am KIT in enger Zusammenarbeit mit Praxisvertretern vor Ort Klimakenngrößen entwickelt – etwa um herauszufinden, wie oft in Zukunft gestreut werden muss.

Ein Editorial von Dr. Hans Schipper, Karlsruher Institut für Technologie

Dieser Winter hatte einige Überraschungen parat: von riesigen Schneemassen im Alpenraum bis zu vorfrühlinghaften Temperaturen Anfang Februar. Mit dem weiter voranschreitenden Klimawandel werden in Zukunft die kalten Winter allerdings weniger oft auftreten als vor 20 bis 30 Jahren. Das mag auf den ersten Blick nicht dramatisch klingen, allerdings hängt in unserer vernetzten und technisierten Gesellschaft fast alles voneinander ab, wodurch es größere Wirkungen geben wird, als wir vielleicht denken. Zusätzlich werden diese Änderungen in den Klimawissenschaften unter Umständen ganz anders bewertet als beispielsweise in der Landwirtschaft oder bei der Raumplanung. 

Als Leiter des Süddeutschen Klimabüros am Karlsruher Institut für Technologie beschäftige ich mich genau mit diesem Zusammenspiel und frage mich, welche Folgen der Klimawandel für unser Zusammenleben hier in Baden-Württemberg, für die Politik und die Unternehmen vor Ort hat. Wie können wir Forschenden unser bereits detailliertes Wissen über die regionalen Veränderungen mit der Erfahrung aus der Praxis zusammenbringen, um gemeinsam besser auf den Klimawandel reagieren zu können? Das erfordert eine gleichberechtigte Begegnung auf Augenhöhe, die letztendlich zu einer effektiven Umsetzung von Maßnahmen bei der Klimawandelanpassung führt.

Eine gute Entscheidungshilfe für solche Maßnahmen können nutzerrelevante Klimakenngrößen bieten. Eine klassische Kenngröße ist etwa die Anzahl von heißen Tagen über 30 Grad Celsius in einem Jahr – eine Definition mit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit arbeiten – und ist gut geeignet als Indikator für Klimaänderungen. Nutzerrelevante Klimakenngrößen hingegen werden stärker auf die Bedürfnisse und die Erfahrungen etwa von Entscheiderinnen und Entscheidern in der Stadtverwaltung zugeschnitten. An erster Stelle unseres Forschungsprozesses stand deshalb eine Befragung von rund 150 Städten in Baden-Württemberg sowie circa 20 Experteninterviews. Das Ziel war herauszufinden, ob und wo das Klima das Handeln und die Entscheidungen beeinflusst. Dies ist weniger trivial, als es auf dem ersten Blick scheint. Befragte reagierten mit „Wir benutzen die Größen, die die Wissenschaft uns vorgibt“ oder „Über individuelle Klimakenngrößen haben wir uns bisher noch nie Gedanken gemacht – aber es wäre interessant“. Letztendlich bekamen wir aber Klimakenngrößen, die Kombinationen von meteorologischen Größen enthielten, die sich direkt mit Entscheidungen in Verbindung bringen ließen. 

Lassen Sie mich das anhand von Glatteis und Streutagen erläutern. Für Winterdienste spielt es eine wichtige Rolle zu wissen, wann und wie oft Streufahrzeuge fahren müssen. Lediglich zu wissen, dass es wärmer wird, reicht dafür nicht aus. In engem Austausch mit Winterdiensten wurde deswegen eine nutzerrelevante Kenngröße entwickelt, die die Entscheidung, ob gestreut werden soll, unterstützt. Winterdienste definierten dafür – mit Unterstützung des Süddeutschen Klimabüros – einen Tag als Streutag, wenn die Temperatur den ganzen Tag zwei Grad Celsius nicht übersteigt und es an dem Tag mindestens 0,5 Millimeter Niederschlag gibt. Mithilfe von Beobachtungen und einer Vielzahl an regionalen Klimasimulationen konnte diese Klimakenngröße räumlich und zeitlich dargestellt werden. Es stellte sich heraus, dass in ganz Baden-Württemberg zukünftig mit weniger Streutagen zu rechnen ist. 

Nun stellte sich die Frage: „Was bedeutet das für die Winterdienste?“ Nur die dortigen Expertinnen und Experten konnten diese Frage mit ihrer Erfahrung beantworten. Beispielsweise lautete die Antwort für die Region Stuttgart: Eine Abnahme an Streutagen von mehr als zehn Prozent macht die Personalplanung und der Einkauf von Streusalz unsicherer, was Anpassungsmaßnahmen erforderlich machen würde. Bei weniger Streutagen treten diese eher vereinzelt auf, statt in einer längeren zusammenhängenden Periode. Da Fahrzeuge speziell für den Streudienst umgerüstet werden müssen – im Sommer sind die Fahrzeuge zum Beispiel im Forstbetrieb tätig –, würde ein häufigeres Umrüsten zusätzliches Geld und Personal kosten.  Diese Abnahme von zehn Prozent wird in der Region Stuttgart für mehr als die Hälfte der im Projekt verwendeten Klimasimulationen erwartet, was eine wichtige Information für die Planung der Winterdienste ist.

Ähnlich sind wir in weiteren acht Bereichen vorgegangen – auf Grundlage der Handlungsfelder der 2015 verabschiedeten Anpassungsstrategie des Landes Baden-Württemberg. So konnten wir einige neue Klimakenngrößen erstellen. Dabei ging jeder Klimakenngröße eine intensive Kommunikation und ein gemeinsames Lernen zwischen Wissenschaft und Praxis voraus. Während unseres Projekts haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten („Endlich mal jemand der uns zuhört“). Das war wichtig, denn die Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern, die nicht aus der Wissenschaft kommen, kostet viel Zeit und mehr Bemühungen, um sich gegenseitig zu verstehen. Das Ergebnis aber zeigt, dass gegenseitiges Lernen von Anfang an ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine nachhaltigere und an dem Klimawandel angepasste Welt ist.

 

Zum Autor
Dr. Hans Schipper  ist Meteorologe und leitet seit 2009 das Süddeutsche Klimabüro am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das Süddeutsche Klimabüro ist eines von vier regionalen Klimabüros der Helmholtz-Gemeinschaft, die jeweils einen regionalen und thematischen Schwerpunkt haben. Mehr Informationen zum Projekt, in dem die Klimakenngrößen erarbeitet wurden, finden Sie auf der Website des Süddeutschen Klimabüros und z. B. in einer Präsentation auf dem 3. Mainauer Nachhaltigkeitsdialog des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.

 

15. Februar 2019

Bildnachweis: Laila Tkotz, KIT

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