Kolumne "Zur Sache"

Die Hälfte der Korallenriffe ist schon jetzt verloren

Julian Gutt © AWI, Kerstin Rolfes

Fast jede achte Art von Tieren und Pflanzen ist vom Aussterben bedroht, wenn der Mensch seine Lebensweise nicht gravierend ändert. Das ist das Fazit des Weltbiodiversitätsrats. Professor Julian Gutt ist Meeresbiologe und einer der Leitautoren des Berichts. In seiner Kolumne erklärt er anhand seiner Forschung in den Meeren, wie Artenvielfalt und Klimawandel zusammenhängen.

Ein Editorial von Prof. Dr. Julian Gutt, Alfred-Wegener-Institut

Die Ozeane bedecken 71 Prozent der Erdoberfläche, ihre Ökosysteme sind ungefähr ebenso vielfältig an Lebensformen wie die an Land und genauso wichtig für viele Menschen. Gerade weil ich selber wissenschaftlich mit bildgebenden Methoden, Unterwasserfotografie und -video arbeite, bin ich immer wieder von der Formenvielfalt in den Meeren begeistert. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) hat sich in seinem ersten Globalen Sachstandsbericht der Fragen angenommen, wie der Zustand der Lebensvielfalt auf der Erde ist und wie wir Menschen damit umgehen. Er wurde Anfang Mai veröffentlicht und kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Artenvielfalt nimmt dramatisch ab. Die Rate, mit der Arten aussterben, ist derzeit 10- bis mehr als 100-mal höher als zu allen anderen Zeiten in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Bis zu einer Million Arten von insgesamt rund acht Millionen Arten an Tieren und Pflanzen sind vom Aussterben bedroht – also etwa jede achte. Ursächlich sind aber weder Vulkanausbrüche noch Asteroideneinschläge, sondern in vielen Fällen der Mensch. Der Bericht listet die fünf maßgeblichen Treiber für den Verlust der Biodiversität auf. An erster Stelle steht die immer stärkere Nutzung von Festland und Meeren durch den Menschen. An zweiter Stelle die unmittelbare Nutzung bestimmter Organismen wie etwa die intensive Befischung von Kabeljau, an dritter der Klimawandel, an vierter Umweltverschmutzung und an fünfter Stelle invasive, gebiets-fremde Arten.

Dabei hängen wir alle von den Leistungen der Pflanzen und Tieren ab – sei es für Nahrung, Rohstoffe, Klimaschutz oder Medizin – und wir brauchen Mikroorganismen für das Nährstoffrecycling und die Gesundheit. Wir stecken damit also in einer Art Zwickmühle. Wir müssen in natürliche Ökosysteme für unser Überleben eingreifen, diese Nutzung müssen wir aber so nachhaltig gestalten, dass auch für die nächsten Generationen eine Existenz in einer intakten Umwelt garantiert ist. Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats zeigt, dass uns das derzeit nicht gelingt und wir schleunigst umsteuern müssen, um noch massivere Schäden zu vermeiden.

Korallen © AWI, J. Gutt, W. DimmlerAuch der wissenschaftliche Blick auf die Ozeane macht das deutlich. Die Menschheit hat weite Teile in den vergangenen 150 Jahren stark verändert. So ist schon heute bereits die Hälfte aller Korallenriffe durch menschlichen Eingriff in die Natur vernichtet worden. Ein Drittel der von uns Menschen genutzten Fischbestände ist überfischt oder bereits eingebrochen.

Mit Blick auf den Klimawandel ist es wichtig zu wissen, dass dessen Folgen eng mit dem Verlust der Artenvielfalt zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Expertinnen und Experten schätzen, dass der Klimawandel das weltweite Algenwachstum in den nächsten Dekaden um bis zu 10 Prozent und die Fischmenge bis 25 Prozent reduzieren wird. Ursache ist, dass auch die Temperatur der Meere steigt, wovon insbesondere Planktonorganismen in der oberen Wasserschicht und die artenreichen Bodentiere in flachen Wassern direkt betroffen sind. Außerdem setzt die Erwärmung des Wassers auch den Kleinstalgen und damit der Grundlage des kompletten Nahrungsgefüges deutlich zu, wodurch andere Tiere weniger Nahrung haben – dies kann sich sogar bis zu den Eisbären, Schwertwalen, Tunfischen und Pinguinen fortsetzen. Schwimmende Tiere können grundsätzlich ausweichen, sie müssen aber in ihren neuen Lebensräumen nicht nur die für sie geeignete Temperatur, sondern auch Nahrung finden. Am Meeresboden festsitzende Tiere und Pflanzen in den Korallenriffen, Schwammgemeinschaften oder Großalgenwäldern können nicht so schnell ausweichen. Entweder sie tolerieren den Klimawandel, passen sich an oder sterben ab.

Eine weitere Folge des Klimawandels ist die Versauerung der Meere. Viele Tiere, wie Schnecken, Korallen, Muscheln und Stachelhäuter haben dann einen erhöhten Energiebedarf um ihre Kalkschalen aufrechtzuerhalten oder sie schaffen dies nicht mehr und ihre Gehäuse lösen sich langsam auf. Der pH-Wert beeinflusst aber auch fast alle anderen Stoffwechselprozesse, sodass fast alle Tiere und Pflanzen betroffen sind. Wir wissen bereits, dass es dabei Gewinner und Verlierer gibt, wir wissen aber auch, dass Schlüsselarten im Nahrungsgefüge wie etwa der Krill und die Flügelschnecken stark darunter leiden, was dramatische Folgen für weite Teile des marinen Ökosystems haben kann.

In umgekehrter Weise hat die Vielfalt des Lebens im Meer aber auch einen Einfluss auf das Klima. Natürliche Ökosysteme nehmen eine bestimmte Menge CO2 auf, produzieren aber auch andere weniger häufige Klimagase. Vom Menschen veränderte Algengemeinschaften können kurzfristig oder räumlich begrenzt sogar mehr CO2 aufnehmen. Es ist aber zu erwarten, dass sie insgesamt einen erheblichen Teil ihrer CO2-Pufferkapazität verlieren. Dazu braucht es noch mehr Forschung, um konkretere Aussagen machen zu können.

Lösungen erfordern eine ganzheitliche Beachtung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, bei denen der Mensch und seine belebte Umwelt im Mittelpunkt stehen. Dazu gehören unter anderem, den Hunger zu beenden, das Leben an Land und in den Ozeanen zu schützen, Gesundheit sicherzustellen und den Klimawandel zu stoppen. Diese Probleme können nach Einschätzung des Weltbiodiversitätsrates nur gemeinsam und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse in Kombination mit gesellschaftlichen Transformationen gelöst werden. Dabei müssen die Lösungen bei uns demokratisch legitimiert sein. Es geht um sofortige Rücksichtnahme auf die Lebensvielfalt überall auf der Erde, bei uns vor Ort und auch dort, wo die Veränderungen nicht direkt vor unseren Augen stattfinden, wie etwa in den Ozeanen. Nicht nur wegen ihres Nutzens, sondern weil es allgemein auf ein ausgewogenes Miteinander aller Lebewesen auf der Erde ankommt, müssen wir das Artensterben sofort stoppen.

 

Zum Autor
apl. Prof. Dr. Julian Gutt ist Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Er gehört zu den Leitautoren des Globalen Sachstandsberichts des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) und hat sich vor allem mit Fragen der Meeresökologie befasst.

 

29. Mai 2019

Bildnachweis: Julian Gutt © AWI, Kerstin Rolfes; Korallen © AWI, J. Gutt & W. Dimmler

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