Kolumne "Zur Sache"

Beschleunigter Meeresspiegelanstieg gleichzeitig Risiko und Chance

Achim Daschkeit und Enkeltochter © A. Daschkeit

Der neue IPCC-Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre liefert Belege für die drastischen Veränderungen aufgrund des Klimawandels in allen Weltmeeren. Eine davon: Der Meeresspiegel steigt immer schneller. Doch wie sollen wir darauf reagieren?

Ein Editorial von Dr. Achim Daschkeit, Umweltbundesamt

Das Abschmelzen der grönländischen und antarktischen Eismassen ist eine der gravierenden Folgen des Klimawandels und ein wesentlicher Grund, warum der Meeresspiegel immer schneller steigt. Die zunehmende Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs stellt Insel- und Küstenstaaten schon heute und zukünftig noch stärker vor große Probleme und ruft oftmals reflexartige Reaktionen hervor – sie reichen von „Land unter – Küsten bald nicht mehr bewohnbar“ bis zu „Wir haben alles im Griff – die Küsten sind sicher“.

Beide Reaktionen sind meiner Einschätzung nach richtig – und doch falsch. Wie das? Richtig ist, dass es Küstenregionen gibt, die durch den Meeresspiegelanstieg stark gefährdet sind, etwa Megacitys in Asien, die direkt an flachen, zum Teil sandigen Küsten liegen und Heimat für Millionen von Menschen sind. Auch New York City gehört zu diesen stark gefährdeten Küstenstädten. Richtig ist ebenso, dass viele Küstenregionen beispielsweise in den Niederlanden und in Deutschland mit hohem technischem und finanziellem Aufwand geschützt werden. Die Küstenlinien werden gesichert und verteidigt – so steht es in Gesetzen und Verordnungen.

Und wieso jetzt gleichzeitig falsch? Weder apokalyptische Schwarzmalerei noch immer mehr und bessere Techniken zum Küstenschutz helfen dabei, einen nüchternen und realistischen Blick auf die künftige Entwicklung von Küstenregionen zu werfen. Nach mehr als 40 Jahren Leben und Arbeiten an den Küsten Deutschlands bin ich der Auffassung, dass wir bisher nur rudimentäre Vorstellungen darüber haben, wie wir Küstenräume langfristig und vor allem nachhaltig nutzen können. Dabei geht es nicht nur darum, Wohnen in Pfahlbauten oder schwimmenden Häusern zu propagieren oder das eine oder andere Modellprojekt durchzuführen, bei dem ein Deich offen gelassen und eine zumeist nicht bewohnte Niederung geflutet wird. Es geht aus meiner Sicht darum, das wieder aufzugreifen, was unter anderem die EU-Kommission und viele ihrer Mitgliedstaaten, aber beispielsweise auch die USA in den neunziger und nuller Jahren unter dem Konzept eines integrierten Küstenzonenmanagement vorangetrieben haben. Zielvorstellung dieser Idee ist es, den Küstenbereich als ökologisch intakten aber auch wirtschaftlich nutzbaren Lebensraum für den Menschen zu entwickeln und zu erhalten. Das kann auch zu schwierigen, aber unausweichlichen Entscheidungen darüberführen, ob tatsächlich alle heute genutzten Küstenräume in derselben Art auch künftig genutzt werden können. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen deutlich auf, dass der Meeresspiegelanstieg langfristig – bis 2300 – um mehrere Meter ansteigen kann. Bis dahin aber wird die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen und Gesellschaften erreicht oder überschritten sein.

Der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima, der am 25. September vorgestellt wurde, bietet nun eine hervorragende Gelegenheit, eine offene gesellschaftliche Debatte über nachhaltige Küstennutzung und die Wege dorthin zu führen. Oder sie zumindest anzustoßen – ohne Scheuklappen. Und bitte nicht nur über konkrete Deichhöhen und mehr finanzielle Mittel für Küstenschutz diskutieren – das ist sicherlich notwendig, muss nach meiner Ansicht aber parallel zu einer Debatte geführt werden, wie wir künftig an Küsten leben und arbeiten wollen. Das hört sich nach einem mühsamen Geschäft an, ja. Aber es ist eben eine große Aufgabe, die Widerstandskraft gegenüber dem beschleunigten Meeresspiegelanstieg und künftig häufigeren Sturmfluten zu steigern.

 

Zum Autor
Dr. Achim Daschkeit ist beim Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung des Umweltbundesamts tätig. Er hat mehr als 40 Jahre an den Küsten Deutschlands gelebt und gearbeit und genießt es mit seiner Enkeltochter im Naturschutzgebiet Geltinger Birk in Schleswig-Holstein spazieren zu gehen (siehe Foto). Wie die Küste aussieht, wenn sie erwachsen ist, hängt auch stark davon ab, ob es die Gesellschaft schafft, den Klimawandel zu bremsen.

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2. Oktober 2019

Bildnachweis: Achim Daschkeit

Dieser Text gibt die Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Auffassung des Umweltbundesamtes übereinstimmen.

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