Kolumne "Zur Sache"

Klimafreundlich Reisen für Wissenschaftler

Gianluca Grimalda © IfW; G. Grimalda

Vielflieger, zu denen berufsbedingt auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen, verursachen einen Großteil ihres persönlichen CO2-Fußabdruckes in der Luft. Ein Dilemma – gerade für Klimaforscher wie den Verhaltensökonomen Gianluca Grimalda vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Er musste für seine Forschung nach Tokio und Papua-Neuguinea, wollte dafür eigentlich nicht in ein Flugzeug steigen. Ein Reisebericht.

Ein Editorial von Gianluca Grimalda, Ph.D., Institut für Weltwirtschaft Kiel

Reisen ist für uns Wissenschaftler eine Notwendigkeit und Teil des Berufes. Wir müssen und wollen häufig an Konferenzen teilnehmen, um uns über die neuesten Entwicklungen zu informieren. Außerdem haben wir dort die Möglichkeit, unsere Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren und Kommentare zu ersten Entwürfen unserer Publikationen zu erhalten. Dieser persönliche Austausch ist enorm wertvoll, im Grunde unverzichtbar für die Arbeit als Wissenschaftler. Für Forscher wie mich, die daran interessiert sind, verschiedene Kulturen und Institutionen auf der ganzen Welt zu vergleichen, ist Reisen umso wichtiger.

Die schnellste und unkomplizierteste Art zu Reisen, gerade bei langen Distanzen, ist meist mit dem Flugzeug. Doch Flugreisen verursachen hohe Umweltkosten. Der Luftverkehrssektor ist für rund 4,8 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich, wenn man die sogenannten Multiplikatoreffekte mit berücksichtigt, die dadurch entstehen, dass Emissionen in großen Höhen schädlicher sind, als auf dem Boden. Seit einigen Jahren gibt es daher die „Slow-Travel“-Bewegung. Dies ist keine organsierte Vereinigung, vielmehr stellten und stellen immer mehr Menschen fest, dass sie „langsam“ reisen  wollen, und anstelle des Flugzeuges lieber mit Zügen, Bussen oder Schiffen unterwegs sind, um die Umwelt zu schonen. Die derzeit wohl bekannteste Slow-Travellerin ist die Umweltaktivistin Greta Thunberg.

In der persönlichen Klimabilanz von Wissenschaftlern schlagen Flugreisen sicherlich in viel stärkerem Maße negativ zu Buche, als im allgemeinen Durchschnitt, da sie viel häufiger fliegen als die breite Öffentlichkeit. Daher engagieren sich einige von uns öffentlich für die Reduzierung oder komplette Vermeidung des Fliegens auf Reisen, wie zum Beispiel die internationale Bewegung No Fly Scientists. Slow-Travelling ist bei Forschungskonferenzen zwar noch selten, greift aber immer häufiger um sich.

In diesem Jahr standen bei mir zwei große Ereignisse auf der Agenda: Die Teilnahme an der ThinkTank20-Konferenz in Tokio, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt über Politikempfehlungen an die teilnehmenden Staatschefs des G20-Treffens diskutierten. Und eine empirische Untersuchung in Bougainville, einer Insel inmitten des Pazifischen Ozeans in Papua-Neuguinea. Auf dieser 27.900 Kilometer langen Reise hätte ich 2,76 Tonnen Kohlendioxid produziert, wenn ich geflogen wäre. Zum Vergleich: Eine Person, die jeden Tag 30 Kilometer mit dem Auto fährt, stößt zwei Tonnen CO2 im Jahr aus. Ich entschied mich daher für Slow-Travel.

Es war relativ einfach, meine Reise über Land zu organisieren. Start war in Kiel, hier ist das Institut für Weltwirtschaft beheimatet, wo ich arbeite. Nach Moskau fuhr ich mit dem Fernbus, durch Russland dann mit der Transsibirischen Eisenbahn, nach Japan mit der Fähre und dort angekommen schließlich mit dem Zug bis nach Tokio. Mein Rückweg führte über Südostasien, China und Kasachstan zurück nach Moskau, auch hier konnte ich Fernbusse und in China den Zug nutzen. Mein Problem: Es gab praktisch keine Möglichkeit, mit dem Schiff nach und von Papua-Neuguinea zu reisen. Es hätte eine Kreuzfahrt von Japan nach Papua-Neuguinea gegeben, aber der Termin war viel zu spät, und die Umweltauswirkungen von Kreuzfahrtschiffen sind vergleichbar mit denen von Flugzeugen. Ein Flug nach und von Papua-Neuguinea war daher leider die einzige Option.

Radikale Umweltaktivisten hätten wohl die komplette Reise nach Bougainville aufgegeben. Aber als ich alle Vor- und Nachteile abgewogen hatte, entschied ich, dass es sehr wohl Sinn machte, die Reise dennoch anzutreten. Denn ein Teil meiner Forschung in Papua-Neuguinea hatte auch mit dem Klimawandel zu tun. Ich würde dort mehr als zehn Vorträge über den Klimawandel halten, seine wissenschaftlichen Grundlagen erläutern und die Menschen ermutigen, Maßnahmen gegen ihn zu ergreifen. Auf Bougainville bedeutet dies vor allem, auf Rodungen zu verzichten. Ich kam daher zu dem Schluss, dass meine Reise unter dem Strich einen Netto-Nutzen für das Klima bringen würde. Ich habe mich selbst dazu verpflichtet, die kürzest möglichen Wege zu nehmen, um Bougainville zu erreichen und zu verlassen.

Nach den Schätzungen von Carbon Footprint habe ich bei meiner Reise mit Zug, Bus und Fähre von Kiel nach Tokio und dann von Singapur zurück nach Kiel 0,36 Tonnen Kohlendioxid produziert. Das sind nur gut 13 Prozent im Vergleich zur selben Reise mit dem Flugzeug. Oder anders ausgedrückt: Ich kann diese Strecke siebeneinhalb Mal per Slow-Travel absolvieren, oder einmal mit dem Flugzeug.

Es handelt sich bei diesen Zahlen  zwar nur um Schätzungen, die auf den durchschnittlichen CO2-Emissionen der jeweiligen Verkehrsmittel beruhen, und nicht um die tatsächlichen Emissionen meiner genutzten Busse, Züge und Fähren. Aber ich denke es ist eindeutig, dass Slow-Travel einen sehr positiven Effekt für das Klima hat.

Insgesamt dauerte meine Reise 40 Tage, 20 davon verbrachte ich tatsächlich auf der Straße, die anderen 20 Tage nutzte ich, um mir die Orte, an denen ich Halt machte, anzuschauen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und ich traf auch Kolleginnen und Kollegen, um mich mit Ihnen auszutauschen. An meinen Reisetagen konnte ich dank Laptop und Smartphone gut arbeiten, und ich bin dem Institut für Weltwirtschaft sehr dankbar, dass ich diese Zeit auch tatsächlich als Arbeitszeit anrechnen durfte.

Die Reduzierung der Treibhausgasemissionen ist nicht der einzige Vorteil von Slow-Travel. So zu reisen, bietet auch eine einzigartige Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Außerdem kann man die Natur bewundern, die am Fenster vorbeizieht. Schließlich führt einen Slow-Travel oft durch ländliche Gegenden, die man sonst niemals sehen würde. Ein Bild, das mich am meisten beeindruckte, war der Grenzübergang zwischen Laos und China. In den ländlichen Dörfern von Laos werden die meisten Häuser mit frei verfügbaren Naturmaterialien gebaut: Palmenblätter für Dächer, Bambusblätter für Wände, Erde oder Holz für Böden. Die Häuser sind nicht mehr als ein Stockwerk hoch. Die Straßen sind kurvenreich, holprig und man kommt nur sehr langsam voran, auch weil viele Abschnitte nicht asphaltiert sind.

Der Grenze zu China geht ein Niemandsland voraus, in dem roter Ton die Landschaft dominiert und kein Gebäude zu sehen ist. Und dann kommen plötzlich viele riesige Zementgebäude, vielleicht 10 Stockwerke hoch, mit vielen Zinnen, Spitzdächern und bunten Wänden. Das war China. Ich fühlte mich, als ob ich nun die kapitalistische Welt des 21. Jahrhunderts betreten würde. Dieses Bild hat mir die Bedeutung von Institutionen und Wirtschaftswachstum besser verdeutlicht, als hunderte Seiten in einem Wirtschaftslehrbuch.

Slow-Travel ist nur eine Maßnahme, wie Forscher wie ich dazu beitragen können, die Umwelt zu schützen. Eine andere ist schlicht die Reduzierung der Anzahl an Konferenzen, an denen man teilnimmt. So wurde auch in einem kürzlich in der renommierten Zeitschrift Nature erschienen Artikel argumentiert. Dies wäre natürlich noch wirkungsvoller als Slow-Travel, aber aufgrund der Bedeutung des persönlichen Austausches für uns Wissenschaftler könnte es ein sehr schwieriger Schritt sein, und Videokonferenzen sind zwar eine Alternative, aber nicht perfekt. Doch das Klima verändert sich dramatisch, und es führt kein Weg daran vorbei, dass wir unsere Lebensweisen anpassen, um im Jahr 2050 Null-Emissionen zu erreichen. Auch und gerade als Wissenschaftler möchte ich hier mit gutem Beispiel vorangehen.

 

Zum Autor
Gianluca Grimalda, Ph.D., ist Verhaltensökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Er hat seine Reise auch auf Twitter dokumentiert.

 

27. November 2019

Übersetzung: IfW

Bildnachweis: IfW; G. Grimalda

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