Kolumne "Zur Sache"

Nach der Corona-Krise geht es verstärkt um Widerstandsfähigkeit

Marie-Luise Beck © DKK, Stephan Röhl

Zur Bewältigung der Corona-Krise müssen wir alle unsere Kräfte bündeln, Klimawandel und Klimaschutz sind in den Hintergrund gerückt. Das muss jetzt so sein. Für die Zeit nach der Pandemie ist es dafür umso wichtiger, die Klimaschutzpolitik zu stärken, statt etwa den europäischen Green Deal zu schwächen oder wieder mehr Kohle zu fördern.

Ein Editorial von Marie-Luise Beck, Deutsches Klima-Konsortium

Der Coronavirus SARS-CoV-2 hat Nachrichten zum Klimawandel und zur Klimapolitik zu Recht aus den Schlagzeilen gefegt. Schlechte Zeiten für die Klimakommunikation? Zurzeit ja. Denn jetzt geht es um die Bewältigung der Pandemie. Niemand weiß, wann sie zu Ende sein wird und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass uns der Höhepunkt an Infektionszahlen, Todesfällen und Engpässen erst noch bevorsteht.

Aber zum Krisenmanagement gehört nicht nur die unmittelbare Bekämpfung der Krise und das Zurückdrängen der Infektionen, sondern jetzt schon die Planung der Maßnahmen nach der Krise – etwa die umfangreichen Programme zur Unterstützung der Wirtschaft. Zusätzlich muss Krisenmanagement Antworten auf folgenden Fragen finden: Wie kann einer solchen Krise in Zukunft vorgebeugt werden? Wie kann für eine bessere Bewältigung vorgesorgt werden? Diese Fragen zu Prävention und Vorsorge haben es besonders schwer, wenn die Sicherheit des Alltags wieder eingekehrt ist.

Brandbeschleuniger

Die Wucht der gegenwärtigen Pandemie, der noch vor wenigen Wochen unvorstellbare Ausnahmenzustand für immer mehr Länder, lassen heute schon erahnen, dass es bis zur Rückkehr in den Alltag lange dauern wird und Fragen nach Prävention und Vorsorge nicht so schnell verdrängt werden können. Etwa weil eine angemessene Bevorratung und Vorbereitung für eine solche Krise trotz wiederkehrender Warnungen von Expertinnen und Experten aus Katastrophenschutz und Medizin nicht existierte – nachzulesen in der Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ von 2012 oder im Grünbuch Öffentliche Sicherheit von 2007. Dass der Bund allenfalls empfehlen und nur die Länder anordnen dürfen, dass die EU den erratischen innereuropäischen Grenzschließungen hilflos zusehen muss und ihr Zivilschutzmechanismus ins Leere läuft, dass die globalisierte Produktion von Gütern zu Knappheiten führt, ja, dass überhaupt die Hypermobilität der Gegenwart zu Brandbeschleunigern der Krise wurden – all das wird dafür sorgen, dass die Welt nach der Krise nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren wird. 

Auch die hoffentlich baldige Entwicklung eines Impfstoffes wird die Erfahrung fragil gewordener Gewissheiten und temporärer gesellschaftlicher Teilzusammenbrüche nicht einfach vergessen machen. Wer nach grundsätzlichen Lösungen sucht, die das Problem an der Wurzel packen, wird an dem Ziel einer nachhaltigen – und damit auch widerstandsfähigeren – Wirtschafts- und Lebensweise nicht vorbeikommen. 

Exponentielles Wachstum

Wenn sich die Weltgemeinschaft zukünftig vor solchen Krisen schützen will, muss sie das Risiko minimieren, Vorsorge treffen, muss Resilienz und wirtschaftliche Effizienz neu ausbalancieren. Die konkrete Erfahrung dieses Seuchenausbruchs kann uns für die Klimakrise viel verdeutlichen. Beide Prozesse verlaufen exponentiell. Das heißt, es gibt ein „zu spät“, dann kann die Krise nur noch unter hohen Kosten und Opfern bewältigt werden. 

Der exponentielle Verlauf des Anstiegs des Meeresspiegels, der Hitzeextreme, der Hochwasser oder eben auch der Seuchenausbreitung, wird regelmäßig unterschätzt, denn in der Regel denken und handeln Menschen linear. Exponentielle Verläufe überfordern uns, sie sind kontra-intuitiv. 

Drei Tage innerhalb der letzten sechs Wochen verdeutlichen die exponentielle Dynamik: 

  • Am 10. Februar wütete das Virus im entfernten China. Vor allem in Bayern gab es einige wenige Infektionsfälle, die Ansteckungsketten wurden aufgespürt, die Menschen isoliert. Die ersten Expertinnen und Experten machten sich Sorgen, aber für die Meisten stand fest: Von dem bisschen Virus lassen wir uns nicht beeindrucken.
  • Am 10. März wurden die ersten beiden Todesfälle und rund 1500 Infizierte in Deutschland gemeldet – vor allem im Landkreis Heinsberg. Die Diskussion um drastische Maßnahmen nahm Fahrt auf, auch mit Blick auf Italien, wo bereits über 600 Tote zu beklagen waren. Aber noch waren Diskussion und Reaktion gemischt, denn vielen erschien die absolute Zahl nicht allzu beunruhigend. Während der alljährlichen Grippewelle würden schließlich viel mehr Menschen sterben. Dass sich die Zahl der Infizierten innerhalb eines Monats auf das 112-Fache erhöht hatte, dass sie sich alle drei Tage verdoppelte und die Abstände immer kürzer wurden, war für Forschende äußerst beunruhigend – der Mehrheit der Bevölkerung sagte es nichts.
  • Am 18. März hatte sich die Zahl der Infizierten noch einmal mehr als versechsfacht. Der Ausbruch beschleunigte sich weiter, Verdoppelung alle 2,3 Tage. Die EU schloss die Außengrenzen. Die Kanzlerin hielt eine „historische Ansprache“ und appellierte – anordnen darf sie nicht. Verantwortung und Rechtskompetenz liegen in dieser Katastrophenlage bei den 16 Bundesländern, die 16 unterschiedliche Ausgangsbeschränkungen erließen.

Der Meeresspiegel steigt aufgrund der Erderwärmung pro Jahr um durchschnittlich 3,6 Millimeter, insgesamt ist er im 20. Jahrhundert bereits um etwa 15 Zentimeter angestiegen. Diese Zahl löst weder allzu viel Furcht noch Aufmerksamkeit aus. Das Beunruhigende – das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgrund der Klimaphysik erwartet haben, ist aber: Der Meeresspiegelanstieg hat sich bereits beschleunigt und steigt 2,5-mal schneller als der Durchschnittstrend von 1901 bis 1990. Aber noch sind Diskussion und Reaktion gemischt, denn vielen erscheint die absolute Zahl als nicht allzu beunruhigend. Warnungen aus der Wirtschaft vor zu hohen Kosten, vor Konsumeinbrüchen und Arbeitslosigkeit beeindrucken, wer übermäßigen Konsum und Lebensstile kritisiert, ist ein Spielverderber. Dabei wären jetzt drastische Maßnahmen nötig, um die Kurve abzuflachen, um Zeit zu gewinnen. 

Den Prozess bremsen

Ob Meeresspiegelanstieg, Artensterben, Hitzewellen oder Trinkwasserknappheit – zu Beginn sind die Symptome kaum wahrnehmbar. Die exponentielle Wachstumskurve ist im Stadium „Anfang März“: Die Zahl der Insekten geht zurück, einige Küsten und Inseln sind bedroht. Anpassungsmaßnahmen werden ergriffen: Deiche erhöhen, Klimaanlagen montieren, Bienen mittels Blühstreifen retten. Aber die zugrundeliegenden Probleme werden ignoriert: etwa CO2-Emissionen reduzieren, Insektizide verbieten. Außerdem sind die ersten konkreten Folgen des Klimawandels für die allermeisten Menschen hier in Europa weit weg: Die Inselstaaten im Pazifik, die dem steigenden Meeresspiegel nicht standhalten werden, die Bauernfamilie in Sub-Sahara, die wegen Dürre ihr Land aufgeben muss.

Die Klimaänderungen, die schon angestoßen wurden, laufen nach den erwartbaren physikalischen Gesetzen ab, die die Wissenschaft seit Jahrzehnten beschreibt. Das Problem verschwindet nicht, indem man es als Kleinigkeit abtut, sondern nur indem man Maßnahmen ergreift, die den Prozess der Erderwärmung abbremsen und auf einem Niveau stabilisieren, mit dem die Gesellschaften zurechtkommen können.

In einer ähnlichen Weise – jedoch auf viel kürzerer Zeitskala – sind wir jetzt Zeugen des Ansteckungsprozesses, der nach den erwartbaren biologischen Gesetzen abläuft und ebenfalls nicht wegdiskutiert werden kann. Ja, es hat schon immer Seuchen gegeben, aber im Anthropozän gibt es gleich mehrere Faktoren, die Wahrscheinlichkeit, Geschwindigkeit und Stärke solcher Ausbruchsgeschehen und damit unsere Vulnerabilität empfindlich erhöht haben: Der Antibiotika-Missbrauch insbesondere in der Massentierhaltung, das Eindringen des Menschen in jeden Winkel der Welt und das Bejagen von Wildtieren, Überbevölkerung und Millionenstädte, die extreme weltweite Mobilität von Menschen und Gütern – und der Klimawandel. Im Fünften IPCC-Sachstandsbericht von 2014 heißt es: „Es wird erwartet, dass der Klimawandel während des 21. Jahrhunderts zu einem Anstieg von Krankheiten in vielen Regionen und besonders in Entwicklungsländern mit geringem Einkommen führt, verglichen mit einer Referenz ohne Klimawandel.” 

Eine nachhaltige Gesellschaft ist widerstandsfähiger

Wie Krisen auch unsere reiche und hochtechnisierte Welt ins Wanken bringen können, erleben wir gerade. Aus dieser Erfahrung können wir lernen, die schleichenden Risiken mit exponentiellen Verläufen mit Hilfe der Wissenschaft angemessen einzuschätzen. Mit diesem Blick wird deutlich, dass der Ruf aus der Wirtschaft nach Stundung des CO2-Preises oder der Landwirtschaft nach Verschiebung der Düngemittelverordnung zwar kurzfristig verständlich ist, uns jedoch langfristig nicht für die Zukunft fit macht, sondern schneller in die nächste Krise treibt. Die jetzt so notwendige Unterstützung der Wirtschaft kann nicht eine schlichte Wiederherstellung des Altbekannten zum Ziel haben. Gerade jetzt brauchen wir den Kohleausstieg, das Klimapaket, den europäischen Green Deal, brauchen Veränderungen für eine nachhaltige Gesellschaft, um vorbereitet zu sein und mehr Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen zu entwickeln. 

Im DKK haben wir erlebt, wie die Erfahrung des Hitzesommers 2018 die Wahrnehmung des Klimawandels und der wissenschaftsbasierten Klimakommunikation verändert hat. Fridays for Future, Scientists for Future, der Erfolg des K3 Kongresses zu Klimakommunikation und vieles andere waren eine direkte Reaktion darauf. Die Pandemie ist ein ungleich folgenschwereres Ereignis. Die Zeit für Klimakommunikation wird wiederkommen – mit stärkeren Argumenten als zuvor.

 

Zur Autorin
Marie-Luise Beck ist seit 2012 Geschäftsführerin des Deutschen Klima-Konsortiums. Zuvor steuerte sie den Aufbau der Parlamentsinitiative „Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“, dessen Vorstand sie heute angehört. Bei der Blaulichtkonferenz der SPD-Bundestagsfraktion im vergangenen Jahr sprach sie in der Keynote über die Herausforderungen des Katastrophenschutzes durch die Folgen des Klimawandels (Mitschnitt auf YouTube ansehen).

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30. März 2020

Bildnachweis: DKK, Stephan Röhl

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