Kolumne "Zur Sache"

Warum die Geodäsie für die Klimaforschung wichtig ist

Paul Becker © BKG

Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie ist neues Mitglied des Deutschen Klima-Konsortiums. Welche Bedeutung die Geodäsie als Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche für die Klimaforschung hat, erklärt Präsident Paul Becker.

Ein Editorial von Prof. Dr. Paul Becker, Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Der Klimawandel mit seinen Folgen stellt für die Welt und damit auch für Deutschland eine enorme Herausforderung dar. Für eine erfolgreiche Klimapolitik und deren Umsetzung in praktische Maßnahmen ist eine präzise Klimaforschung von großer Bedeutung. Dafür ist es wichtig, dass die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen eng zusammenarbeiten.

Die Geodäsie, insbesondere die Satellitengeodäsie, ist eine dieser Disziplinen. Sie ist elementar für die Klimaforschung, wird aber oft vergessen. Denn als Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche macht sie viele Aussagen zum Klimawandel erst möglich. Mit den geodätischen Referenzsystemen stellt sie die langzeitstabilen Bezugssysteme bereit, in denen etwa der Meeresspiegelanstieg über lange Zeiträume mit einer Genauigkeit von Millimetern pro Jahr beobachtet werden kann. Geodätische Referenzsysteme erlauben die räumliche Zuordnung der verschiedenen Fachdaten – etwa der Ozeantemperatur oder des CO2-Gehalts der Atmosphäre – und damit häufig erst deren sinnvolle Nutzung.

Einer der wesentlichen Protagonisten in diesem Bereich ist das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG). Als Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) ist es der zentrale Dienstleister des Bundes für topographische Grundlagendaten, Kartographie und geodätische Referenzsysteme. Es stellt in enger Zusammenarbeit mit den Vermessungsverwaltungen der Bundesländer, anderen Behörden und den Forschungseinrichtungen, die sich mit geodätischen Fragestellungen beschäftigen, Informationen von zentraler Bedeutung für die Klima- und Klimafolgenforschung bereit. International werden die geodätischen Aktivitäten in der Internationalen Assoziation für Geodäsie (IAG) koordiniert.

Neben hochgenauen und langzeitstabilen Referenzsystemen erlauben geodätische Messungen auch direkte Beobachtungen klimabedingter Veränderungen im System Erde: Mithilfe der Satellitengravimetrie können zum Beispiel großskalige Massenverlagerungen im Erdsystem bestimmt werden. Dies ermöglicht Aussagen zu Abschmelzprozessen kontinentaler Eismassen ebenso wie zu Veränderungen der Wasserspeicher an Land. Mithilfe der Satellitenaltimetrie lassen sich nicht nur Wasserstandsänderungen des Meeres, von Seen und Flüssen mit Millimetergenauigkeit beobachten, sondern auch Änderungen in der Oberflächengeometrie der Gletscher und Eisschilde – was für den Anstieg des Meeresspiegels von großer Bedeutung ist.

Die Geodäsie leistet aber auch vielfältige Beiträge zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Hierzu gehört etwa der Bereich der städtebaulichen Planung oder die Entwicklung von Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf extreme Wetterereignisse. So sind Hinweiskarten für Starkregengefahren ohne hochaufgelöste digitale Gelände- und Landschaftsmodelle nicht möglich. Derartige Modelle stehen jetzt mit einer Auflösung von einem Meter für ganz Deutschland zur Verfügung – was besonders bei den räumlich sehr kleinen Starkregenereignissen eine wichtige Rolle spielt.


Zum Autor
Prof. Dr. Paul Becker ist Präsident des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie (BKG). Der studierte Meteorologe beschäftigt sich schon lange mit dem Klimawandel – unter anderem in seiner vorangegangenen Tätigkeit als Vizepräsident beim Deutschen Wetterdienst (DWD).

 

21. Juli 2020

Bildnachweis: BKG

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