Kolumne "Zur Sache"

Mit dem Glasgower Klimagipfel beginnt eine neue Ära globaler Klimapolitik

Stefan Aykut © UHH, Ohme

Die 26. UN-Klimakonferenz läutet den Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters ein, zeigt aber auch neue Konfliktlinien auf, analysiert Professor Stefan Aykut. Der Experte für internationale Klimapolitik verfolgte die Verhandlungen vor Ort.

Ein Editorial von Prof. Dr. Stefan Aykut, Center for Sustainable Society Research, Universität Hamburg

Die diesjährige Weltklimakonferenz (COP 26) ging am 13. November nach einem Last-Minute-Drama um die Abschlusserklärung – den Klimapakt von Glasgow – mit einem Kompromiss zu Ende. Das Dokument enthält zum ersten Mal einen Passus zum Ausstieg aus der Kohle und zum Ende der Subvention fossiler Energien. Zugleich wurden endlich die letzten Details des sogenannten Regelbuchs zur Umsetzung des Pariser Abkommens von 2015 festgeklopft. Insbesondere die Frage, wie künftig Emissionsminderungen zwischen Staaten gehandelt werden können, war lange umstritten. Hier konnte ein relativ robustes Ergebnis gefunden werden. Während einige daher – wie etwa Dr. Johanna Depledge von der University of Cambridge – einen „erstaunlich positiven Neustart“ des Verhandlungsprozesses sahen, sahen andere – wie Klimaaktivistin Greta Thunberg – angesichts der nach wie vor ungenügenden Anstrengungen zur Treibhausgasreduktion wenig mehr als „Blah Blah Blah“. Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen. Ohne Zweifel war Glasgow aber eine wichtige COP, die eine neue Phase der globalen Klimapolitik einläutet.

Glasgow war die erste Zusammenkunft nach der erzwungenen Corona-Pause und dem Inkrafttreten des Pariser Vertragswerks in 2020. Mit Spannung war erwartet worden, ob die internationale Klimapolitik wieder in die Gänge kommen und der Ambitionsmechanismus des Abkommens funktionieren würde. Das Interesse an der Konferenz war entsprechend groß. 40.000 akkreditierte Personen machten Glasgow zu einer der größten Klimakonferenzen überhaupt. Hinzu kamen Hunderttausende auf Veranstaltungen und Demonstrationen in Glasgow und anderen Städten.

Hinsichtlich konkreter Maßnahmen und Pläne zur Emissionsreduktion ist die Bilanz gemischt. Vor Glasgow hatten nur wenige Länder neue nationale Beiträge zum Klimaschutz (Nationally Determined Contributions, NDCs) vorgelegt. Hoffnung machte daher eine Reihe von Ankündigungen von Klimaneutralitätszielen vor der Konferenz, etwa von Indien (bis 2070), Saudi-Arabien (2060), Russland (2060) und Australien (2050). Hinzu kam eine wahre Flut an Initiativen an den ersten Tagen der Konferenz, die wahlweise die Reduktion von Methanemissionen, den Stopp der Entwaldung, den Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung oder der Finanzierung fossiler Energien sowie das Ende des Verbrennungsmotors zum Gegenstand hatten. Allerdings waren viele dieser Ankündigungen und Initiativen relativ unkonkret gefasst. Viel hängt davon ab, ob es gelingt, die Initiativen in Zukunft zu formalisieren und zu vertiefen. Modellrechnungen wie die der Internationalen Energieagentur IEA, laut der die Ankündigungen von Glasgow die Erwärmung auf 1,8 Grad Celsius begrenzen könnten und damit das 1,5-Grad-Ziel wieder in Reichweite brächten, sind daher äußerst fragwürdig.

Klar ist dennoch, dass Glasgow Teil einer breiteren Veränderung ist, die durchaus das Ende des fossilen Zeitalters einläuten könnte. Davon zeugte nicht nur die Abschlusserklärung. Auch die vielfach kritisierte, massive Präsenz der fossilen Lobby auf der Konferenz war letztlich ein Zeichen dafür. In den nächsten Jahren wird zunehmend nicht mehr das Ob, sondern das Wie einer globalen Transformation im Fokus stehen. In dieser globalen Auseinandersetzung um Geschwindigkeit, Form und gerechte Umsetzung der Transformation werden UN-Klimakonferenzen nur eine, nichtsdestotrotz aber wichtige, Arena unter vielen sein. Eine weitere zukünftige Konfliktlinie wurde in Glasgow sehr deutlich. Zur Finanzierung der Anpassung an den Klimawandel und für die Kompensation von Klimaschäden in Ländern des globalen Südens konnten kaum Fortschritte verzeichnet werden. Stattdessen wurden jeweils neue Gesprächsforen geschaffen. Die Konflikte um diese offenen Fragen werden die nächsten Klimakonferenzen bestimmen. Sie dürften in dem Maße zunehmen, wie auch die Auswirkungen des Klimawandels zunehmend sicht- und spürbarer werden.

 

Zum Autor
Prof. Dr. Stefan Aykut ist Soziologe und beschäftigt sich an der Universität Hamburg mit den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen rund um die Themen Klimawandel und Klimapolitik. Er ist Geschäftsführer des dortigen Center for Sustainable Society Research (CSS), Mitglied im Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society“ (CLICCS) und war als Beobachter bei den Verhandlungen in Glasgow, um die globale Klimagovernance zu erforschen.

 

 

15. Dezember 2021

Bildnachweis: UHH/Ohme

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