Blog zum Briefing 2016

Im Auftrag des DKK berichtet ein Team engagierter Journalismus-Studierender der DEKRA Hochschule für Medien vom Briefing in Berlin. In ihren Videos, Bildern und Texten erfahren Sie alles über die Vorbereitungen und Pläne zur 22. UNFCC-Klimakonferenz in Marrakesch.

27.09.2016

Die Umsetzung des Pariser Klimavertrags beginnt in Marrakesch

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Ein Jahr nach dem erfolgreichen Beschluss des Pariser Weltklimavertrages geht es nun um die konkrete Umsetzung. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft trafen sich am Dienstag im Auswärtigen Amt, um über die geplanten Schritte zu informieren. Das Motto: „Action & Implementation“.

von Steve Reutter und Jonas Schönfelder

„Dieser Vertrag wird in die Geschichte eingehen“, hörte man oft beim Briefing zur nächsten Klimakonferenz in Marrakesch, das im Auswärtigen Amt in Berlin stattfand. Gemeint ist der Weltklimavertrag, auf den sich 197 Staaten im vergangenen Jahr einigen konnten. Jetzt geht es für die Regierungen darum, den ausgehandelten Beschluss jetzt völkerrechtlich verbindlich anzuerkennen – zu ratifizieren - und danach in die Praxis umzusetzen.

„Action & Implementation“

Ein zentraler Punkt dabei ist natürlich die Einsparung von Emissionen. Allerdings gehen „noch immer mehr als die Hälfte aller Investitionen im Energiesektor in fossile Brennstoffe“, so Professor Gernot Klepper, Leiter des Forschungsbereichs „Umwelt und Ressourcen“ am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er fordert, die CO2 -Emissionen da einzusparen, wo es am kostengünstigsten und am schnellsten geht: im Stromsektor und in der Land- und Forstwirtschaft.

Konkret geht es ihm um die weiteren Planungen von Kohlekraftwerken, die „eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren haben“. Daher sei es „nicht mehr vertretbar“, diese noch zu planen. Auch kritisiert er den Umgang mit fossilen Brennstoffen. So müssten sich die wahren Kosten bei der Nutzung von Kohle, Öl und Gas im Preis widerspiegeln, da es sonst keine ausreichende Motivation für Unternehmen und Anleger gibt, in erneuerbare Energien zu investieren.

Nach Gerda Stuchlik, Umweltbürgermeisterin der Stadt Freiburg, gehören „der Energieverbrauch der Gebäude und eine energieeffiziente, multimodale Verkehrspolitik“ zu den wichtigsten Stellschrauben auf kommunaler Ebene. So seien Förderprogramme von Bund und Ländern für energieeffizienten Neubau und Gebäudesanierung notwendig.

Ein weiterer zentraler Punkt war die von den Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedete Agenda 2030.

Ein Grundpfeiler in Sachen Klimapolitik: Die Agenda 2030

Mit der Agenda 2030 wurden insgesamt 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung in Sachen Soziales, Wirtschaft und Umwelt formuliert, die jedes Land verpflichtend umsetzen muss sustainabledevelopment.un.org/sdgs. Und es sind durchaus ambitionierte Ziele:

So möchte man zum Beispiel unter Ziel Eins die Armut – überall und jeglicher Form – bekämpfen und in Ziel Zwei den Hunger beenden, Ernährungssicherheit bieten und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern. Das Besondere: erstmals gelten diese Ziele nicht nur den Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern die Herausforderung, nachhaltig zu leben und zu wirtschaften, ist für alle Staaten gleichermaßen eine massive Entwicklungsaufgabe. Ziel Nummer 13 betrifft den Klimaschutz, denn ein ungebremster Klimawandel würde eine nachhaltige Entwicklung von vornherein unmöglich machen. Aber, so Professor Dirk Messner in seiner Keynote: „nicht jedes Instrument des Klimaschutzes ist automatisch nachhaltig.“ 

„Für ein gemeinsames Erreichen der Ziele von Paris und der Nachhaltigkeits-Agenda 2030 braucht es nichts weniger als eine globale Transformation, bei der Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung ineinandergreifen“, so Dr. Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Dafür seien langfristige Strategien der Länder und eine schnelle Umsetzung der nationalen Beträge nötig.

Hierfür „bedarf es einer Umlenkung und Mobilisierung von Kapital hin zu klimafreundlichen und nachhaltigen  Investitionen“, so Böhmer weiter. Somit müsse man der Wirtschaft Anreize und Motivation geben, um klimafreundliche Strukturen zu schaffen.

Die Agenda 2030 steht in enger Verbindung mit dem Motto des Weltklimagipfels in Marrakesch „Handeln und Umsetzen“. Die einzelnen Länder sind jetzt gefragt und in der Pflicht, das Pariser Abkommen in die Tat umzusetzen. Ganz nach dem Motto: “Worte zählen nicht, sondern Taten!“.


27.09.2016

Das Briefing in Bildern

Der Europasaal des Auswärtigen Amts in Berlin ist bis auf den letzten Platz gefüllt.
Thomas Meister vom Auswärtigen Amt moderiert das Briefing.
Begrüßung durch Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer: Übereinkommen von Paris – Wen wird es wozu verpflichten?
Rita Schwarzelühr-Sutter (BMUB) spricht über die Umsetzung des Paris Abkommens und die Erwartungen an die COP 22.
S.E. Dr. Omar Zniber ist Botschafter des Königreichs Marokko und gibt einen Ausblick auf die Klimaverhandlungen in Marrakesch.
Ingrid Hoven (BMZ) spricht über konkrete entwicklungspolitische Initiativen zur Umsetzung von Paris.
Dr. Karl-Eugen Huthmacher (BMBF) spricht über Klimawandel aus der Sicht der Forschung.
Nach der Kaffeepause folgt ein kurzes Video aus der Online-Vorlesungsreihe des DKK zum Thema Ozeanversauerung.
Prof. Dr. Dirk Messner erklärt, warum Klimaschutz und nachhaltige globale Entwicklung zusammengehören.
Prof. Dr. Gernot Klepper fordert, die CO2-Emissionen da einzusparen, wo es am kostengünstigsten ist und am schnellsten geht: im Stromsektor und in der Landwirtschaft.
Gerda Stuchlik aus Freiburg liefert viele Beispiele für kommunale Maßnahmen zum Klimaschutz und erklärt, wie wichtig eine konstante Evaluation ist.
Zum Abschluss diskutieren die Expertinnen und Experten unter anderem über das fehlende Tempo in der Energiewende.
DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck moderiert die Diskussionsrunde.
 

27.09.2016

Zupacken und Umsetzen

Am 7. November beginnt die 22. Klimakonferenz in Marrakesch. Noch haben nicht alle Länder den in Paris beschlossenen Weltklimavertrag ratifiziert. Aber es gibt Fortschritte.

von Steve Reutter

Deutschland hat es geschafft. Am vergangenen Freitag billigte der Bundestag einstimmig das Ratifizierungsgesetz. Nun ist der Weltklimavertrag in Deutschland rechtskräftig und verbindlich. Vorher gab es schon in New York den Durchbruch: Weitere 31 Staaten sind dem Weltklimavertrag beigetreten. Somit wurde der Vertrag nun von aktuell 61 Ländern ratifiziert - und mit China und den USA sind echte Schwergewichte in Sachen Treibhausgasen darunter.

„Mit der frühzeitigen Ratifizierung leisten wir ein starkes politisches Signal“, sagt Rita Schwarzelühr-Sutter, Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. „Wir leisten unseren Beitrag für ein schnelles Inkrafttreten, was die Glaubwürdigkeit des Abkommens stärkt, und unterstreichen die Vorreiterrolle Deutschlands in der internationalen Klimapolitik“. Und tatsächlich geht die Ratifizierung im Eiltempo voran. Die Bestimmungen des Vertrags sehen vor, dass er wirksam wird, wenn ihm mindestens 55 Länder, die für mindestens 55 Prozent der Treibhausgase verantwortlich sind, beigetreten sind. Erwartet wurde, dass dies nach dem Klimagipfel von Paris einige Jahre dauern würde. Nun ist das Länder-Quorum bereits erreicht, bei den Treibhausgasemissionen aber sind es erst 48 Prozent.

Aber es gibt auch einen Haken. Bisher haben mit Österreich, Frankreich, Ungarn und Deutschland lediglich vier Länder der EU den Vertrag ratifiziert. Somit könnte das Mitspracherecht Europas bei weiteren Verhandlungen stark eingeschränkt werden.

Uneinigkeit innerhalb der EU

Denn die EU kann dem Pariser Abkommen nur im Verbund beitreten. Geschieht dies nicht, ist sie bei den weiteren Reglungen des Vertrages nur stiller Beobachter. „Ich gehe davon aus, dass wir das schaffen“, sagt Schwarzelühr-Sutter, und weiter: „Wenn wir sehen, dass Staaten wie China, USA und jetzt auch Indien ratifizieren, dann glaube ich, dass wir als EU, die den ganzen Prozess immer vorangetrieben hat, dem Abkommen am Ende gemeinsam beitreten können.“

Ende September soll deshalb die Ratifizierung auf einer außerplanmäßigen Sitzung des EU-Umweltrates arrangiert werden. Dann hätte die EU ihre gemeinsame Ratifizierung noch fristgerecht eingereicht und sich ihr Mitspracherecht bei den Regeln des Klimavertrags in Marrakesch gesichert. „Ich bin optimistisch, dass wir die Ratifikationsurkunde bei der UN noch rechtzeitig vor Marrakesch hinterlegen und gemeinsam als EU zur Vertragskonferenz reisen werden“, sagt Frau Schwarzelühr-Sutter. Denn dann geht es um die konkrete Umsetzung des Klimavertrages.

Ein Risiko bleibt: die Verteilung der Treibhausgas-Einsparungen auf die einzelnen Mitgliedstaaten der EU wird dann nach der Ratifizierung geklärt werden müssen, da einige Länder nach wie vor um ihre nationalen Beiträge feilschen. Gerade diese Mitglieder wären dann aber in einer komfortablen Verhandlungsposition.

Der Pariser Erfolg soll weitergeführt werden

Unter dem Motto „Action and Implementation“ trafen sich am vergangenem Dienstag Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Auswärtigem Amt zum Briefing vor Marrakesch, um sich zu konkreten Schritten der Umsetzung des Vertrages zu informieren.

Die Vereinbarung von sozialer Entwicklung und dem Klimaschutz, sowie das bessere Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, etwa bei dem Abbau fossiler Brennstoffe, werden in Marrakesch wichtige Aspekte sein.

„In Marrakesch wird es darum gehen, das Motto „Zupacken und Umsetzen“ anzugehen, also damit zu beginnen, und auch einen langfristigen Pfad zu beschreiben“, sagt Schwarzelühr-Sutter. Denn der Pariser Erfolg wird auch nur dann ein Erfolg bleiben, wenn Marrakesch ebenfalls ein Erfolg wird! Die Weichen sind gestellt, jetzt gilt es die gemeinsamen Ziele umzusetzen.


27.09.2016

Aufbruchsstimmung im Auswärtigen Amt

Das Briefing im Auswärtigen Amt zur COP 22 in Marrakesch soll die deutschen Bemühungen zum Klimaschutz umreißen. In einer Begrüßung sowie einem Interview fasst Staatsministerin Böhmer die Ziele der Konferenz zusammen.

von Tobias Eßer

Spricht man von wichtigen Themen in der Politik, wird der Klima- und Umweltschutz zumeist als einer der zentralen Herausforderungen genannt. Seit der Industrialisierung haben sich Erde und Klima verändert. Diese Veränderung ist weltweit ein wichtiges Thema, das auf zahllosen Konferenzen diskutiert wird. Der jährliche Höhepunkt der internationalen Klimadiplomatie sind die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen oder offiziell: Conferences of the Parties, kurz COP. Ab dem 7. November treffen sich die Verhandlungsführer zur zweiwöchigen COP22 in Marrakesch, um an einer raschen Umsetzung der in Paris beschlossenen Klimaschutzziele zu arbeiten.

Die Vorbereitungsveranstaltung im Auswärtigen Amt wird durch die Hausherrin und Staatsministerin, Dr. Maria Böhmer, eröffnet. In ihrer Begrüßung betont sie die Erfolge von Paris und mahnt gleichzeitig dazu, dieses Thema nach dem Hype vom vergangenen Jahr nicht wieder fallen zu lassen. Eine langfristige Zusammenarbeit aller Nationen sei unabdingbar, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Sie kommt auch auf die Verschärfung dieses Limits auf 1,5 Grad zu sprechen, das durch die energische Politik indigener Völker, insbesondere der kleinen Inselstaaten, Eingang in das Pariser Übereinkommen gefunden hat.

Von der COP erwarte sie sich deshalb, dass der Zusammenhalt der Staaten wachse und sich die Länder, die das Übereinkommen von Paris beschlossen haben, in Bewegung setzten, um die gemeinsam formulierten Ziele zu erreichen. Böhmer nimmt auch die Wirtschaft in die Pflicht. Deren Bemühungen seien bei der Umsetzung der Pariser Beschlüsse unverzichtbar. Außerdem seien im Zuge der Energiewende zahlreiche neue Arbeitsplätze entstanden, was Frau Böhmer als Beweis dafür anführt, dass sich Klimaschutz und Wirtschaftswachstum nicht ausschließen.

Die Frage, ob Konzerne mit Sanktionen rechnen müssen, sollten ihre Beiträge zu den erarbeiteten Klimaschutzzielen ausbleiben, beantwortete Frau Böhmer nicht. Die derzeitige Strategie der Politik ist es, auf Anreize und Motivation zu setzen. Sie betont stattdessen die Vorteile eines Technologieaustausches zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Einen weiteren Anreiz für Unternehmen, die Umweltschutz und Produktion unter einen Hut bringen, sieht sie in der Imagepflege.

Auch das Streitthema Fracking schnitt die Politikerin an. Es seien Verträge geschlossen worden, die den Einsatz der vielkritisierten Methode zum Abbau von Erdgas minimierten. Ein Verbot, das SPD, Grüne und Linke seit Jahren anstrebten, sei aber vom Tisch. Weiter sagte Böhmer, mit der aktuell vorhandenen Energie müsse verantwortungsvoller umgegangen werden. Eine drastische Energiewende sei jedoch nicht der richtige Weg, stattdessen müssten fossile Brennstoffe langsam durch erneuerbare Energien ersetzt werden.

In vielen Punkten scheint die Politik auf einem guten Weg zu sein. Die Klimaschutzziele werden ambitionierter und Konferenzen wie der COP21 Paris zeugen von der Relevanz des Themas. Jedoch, und das muss ebenso gesagt werden, wird zeitgleich über Abkommen wie CETA verhandelt, die unter anderem die hohen europäischen Klimaschutzstandards an die vergleichsweise niedrigen Nordamerikanischen angleichen sollen.

Somit stehen die Verhandlungsführer der COP22 in Marrakesch unter besonderer Beobachtung. Dort wird sich zeigen, inwieweit die Ambitionen, auf dem Weg in eine dekarbonisierte Welt einen Schritt weiterzukommen, endlich handfeste Ergebnisse bringen.



27.09.2016

Die Energiewende ist ein riesengroßer Tanker

Interview mit Professor Gernot Klepper, der auf dem Briefing zur COP 22 über die Signale sprach, die Wirtschaft und Investoren jetzt für eine Energiewende brauchen.

von Jana Schwerdtfeger

In Marrakesch sollen die Ergebnisse des Weltklimagipfels in Paris konkretisiert werden. Wer muss jetzt handeln - die Politik oder die Wirtschaft?

Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen für die globale Energiewende gesetzt werden. Dies ist zunächst einmal Aufgabe der Politik, denn die Wirtschaft reagiert ja nur auf die Regelungen, die gesetzt worden sind. Im Augenblick spiegeln die fossilen Energieträger nicht ihre sozialen Kosten wider, sondern nur den Marktpreis, der durch die Erzeugung entsteht. Wenn die Politik nicht gegensteuert, wird auch die Wirtschaft nicht entsprechend die Energiewende einleiten.

Warum hat es bisher nicht funktioniert, den finanziellen Vorteil der fossilen Energieträger auszugleichen?

Das lag in der Vergangenheit immer daran, dass Länder wie Deutschland unter politischem Druck waren, die Industriesektoren, die unter den CO2-Preisen durch den Emissionshandel leiden müssen, vor der internationalen Konkurrenz zu schützen, die nicht mit diesen hohen Energiepreisen arbeiten muss. Auf dem Weltklimagipfel in Paris haben sich nun alle Länder verpflichtet, etwas zu tun, aber wir haben noch keinen einheitlichen CO2-Preis - oder einen Preis für Klimawandel. So etwas müssen wir in der Zukunft erarbeiten, dann wird auch die Wirtschaft darauf reagieren, und dann wird es möglicherweise leichter, solche Entscheidungen politisch durchzusetzen, wenn der Widerstand nicht mehr so groß ist.

Wir haben heute sehr viel über Dekarbonisierung gesprochen, aber wie sieht es mit anderen stark diskutierten Energiezweigen wie der Atomkraft aus?

Bei der Dekarbonisierung geht es darum, dass die fossilen Brennstoffe nicht mehr verbrannt werden und als CO2-Emissionen in die Atmosphäre gehen. Bei der Nuklearenergie haben wir das Problem, dass sie Uran benötigt und auch dieses nicht regenerativ ist. Viele Forscher sagen, wir hätten genug davon auf der Erde, aber es bleibt das Risiko eines Unfalls. Nach Fukushima haben wir gesehen, dass selbst hoch entwickelte Länder nicht in der Lage sind, diese Technologie komplett zu beherrschen, und deshalb hat die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Ob andere Länder dies irgendwann auch tun werden, bleibt offen, in Japan zum Beispiel sind alle bis auf ein Kraftwerk stillgelegt worden, aber ob das so bleibt, ist unsicher.

Marokko, das Gastgeberland der COP22, arbeitet gerade an riesigen Solarparks. Ein ähnliches Projekt, Desertec, war zuvor im Sande verlaufen. Wie schwierig ist es, solche Großprojekte umzusetzen?

Desertec wurde vor etlichen Jahren ins Leben gerufen und hat ziemlich konkrete Pläne für die Umsetzung der Dekarbonisierung in Nordafrika gemacht. Das Projekt ist zwar unvollendet geblieben, hat aber bewiesen, dass es möglich ist, diese Länder weitgehend auf erneuerbare Energien umzustellen. Marokko ist in Nordafrika das Land, in dem die Energiewende am leichtesten zu vollziehen ist, weil hier günstige Winde und gute Bedingungen für Photovoltaik herrschen.

Trotz der spürbaren Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels lehnen viele Menschen die Energiewende ab. Welche Risiken verbinden sie mit dem Ausstieg aus den fossilen Brennträgern?

Die Energiewende und der Ausstieg aus der fossilen Energie bedeuten eine vollkommen neue Welt, die man sich so erstmal nicht vorstellen kann. Die Menschen fühlen sich davon bedroht. Zusätzlich zu diesem psychologischen Effekt gibt es auch einen ganz praktischen: Die Energiewende bedeutet mehr Windkrafträder, mehr Übertragungsleitungen für Strom, und die Personen, die in der Nähe leben - zum Beispiel in Schleswig-Holstein, wo die meisten Windkrafträder stehen - wehren sich irgendwann gegen weitere Anlagen. Diesen Effekt kennen wir in der Wissenschaft als „Nimby“, „not in my backyard“, also „Nicht in meinem Hinterhof“. Die Menschen möchten, dass das Problem der fossilen Energieträger gelöst wird, aber nicht so, dass sie die Effekte spüren. Das ist ein ganz klassisches politisches Problem der Umverteilung. Marokko ist lange nicht so dicht besiedelt wie Deutschland, dort kann man Windkraftanlagen einfach in die Wüste stellen.

Welche Erwartungen haben Sie an den Weltklimagipfel in Marrakesch?

Marrakesch ist nur ein erster Schritt in einem langen Prozess internationaler Übereinkommen. Wichtig ist, dass die Beschlüsse aus Paris konkretisiert und administrative Fragen geklärt werden.

Wir stellen jetzt hoffentlich die Weichen für die Umstellung auf erneuerbare Energien, dürfen aber nicht vergessen: Die Energiewende ist wie ein riesengroßer Tanker, und wenn man diesen umlenkt, dann fährt er erst noch ein Stück geradeaus weiter, bevor er in die andere Richtung geht.

 

Prof Dr. Gernot Klepper ist der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) und Leiter des Forschungsbereichs „Umwelt und natürliche Ressourcen am Institut für Weltwirtschaft der Universität Kiel“. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf erneuerbaren Energiequellen und nachhaltiger Entwicklung.


27.09.2016

Lokal handeln, global verbessern

Eines der Themen während des Briefings zur 22. VN-Klimakonferenz in Marrakesch waren die Städte und ihr Beitrag zum Klimaschutz. Dieses Thema wurde von Prof. Dr. Dirk Messner aus der globalen und von der Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik aus der lokalen Perspektive betrachtet.

von Melody Hansen

Messner sieht den globalen Trend der weltweiten Urbanisierung als eine der größten Herausforderungen für den Klimaschutz. In den nächsten Jahrzehnten würden über drei Milliarden Menschen vom Land in die Städte ziehen. „Dieser Urbanisierungsschub muss in klimaverträgliche Bahnen gelenkt werden“, betonte der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. „und hierfür sind langfristige Investitionen nötig. Am Beispiel von Freiburg im Breisgau, einer der führenden Städte Deutschlands in Sachen Klimaschutz, stellte Gerda Stuchlik erfolgreiche, klimafreundliche Kommunalpolitik vor.

Stuchlik ist Mitglied im Umweltausschuss des Deutschen Städtetages und engagiert sich als Mitglied der Partei die Grünen schon seit langem für Nachhaltigkeit und Klimaschutz auf kommunaler Ebene. Eben diese kommunale Ebene, ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte im Kampf gegen den Klimawandel. Denn nur durch Veränderungen vor Ort könne die nationalen Klimaschutzziele erreicht werden.

Die Kommunalpolitikerin erinnerte daran, dass Freiburg eine der Gründungsstädte des Klima-Bündnisses war, welches sich seit 25 Jahren dem gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel verschrieben hat und heute bereits 1.700 Mitgliedskommunen zählt. Stuchlik betonte, wie wichtig die Schaffung der Rahmenbedingungen für den Klimaschutz von Seiten des Bundes und der Länder sei und dass diese weiter ausgebaut werden müssen. Die energetische Stadterneuerung und die Transformation des Bestehenden brauche aber mehr Unterstützung. Ihrer Meinung nach sollte die Beteiligung am Klimaschutz deshalb zur Pflichtaufgabe für Kommunen werden.

Die Umweltbürgermeisterin zählte einige Methoden auf, welche die Stadt Freiburg bereits seit Jahren gegen den Klimawandel unternimmt. Zum Beispiel gibt es alle zwei Jahre eine Zwischenbilanz, woraufhin neue Ziele mit Forschern zusammen formuliert werden. Freiburg investiert jährlich 3 Millionen Euro in den Klimaschutz. Dabei versucht die Stadt stets mindestens ein Drittel über den vom Bunde gesetzten Standards zu bleiben. Aus öffentlichen Mitteln werden generell nur noch Passiv-Häuser gebaut. Von den bereits existierenden Gebäuden werden 1,8 Prozent im Jahr klimafreundlich renoviert. Damit liegt Freiburg mit 0,8 Prozent über dem deutschen Standard.

Freiburg bietet jedem Bewohner eine kostenlose Energiesparberatung an. Stuchlik zeigte sich allerdings enttäuscht darüber, dass die Bürger dieses Angebot kaum nutzten. Nichtsdestotrotz lohne es sich am Ball zu bleiben.

Die Stadt Freiburg arbeitet außerdem eng mit Schulen und Kitas zusammen, um den Kindern Naturverbundenheit und ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu vermitteln. „Die Einbindung der Kinder in die Natur und die Produktion ist wichtig für unsere Zukunft.“, so die Umweltbürgermeisterin.

Bis 2020 soll zudem ein klimaneutraler Stadtteil mit Platz für 10.500 Einwohnern auf insgesamt 110 Hektar entstehen. Freiburg hat es geschafft, ein ganzes Gewerbegebiet davon zu überzeugen, sich am Klimaschutz zu beteiligen. Was in der Regel schwierig ist, hat die Stadt mit der Umsetzung des „Green Industry Park“ durch viel Überzeugungsarbeit realisiert. Der Wirtschaft müssen die Vorzüge des Kampfes gegen den Klimawandel vorgezeigt werden. Sie können miteinander arbeiten und dabei voneinander lernen.

Umso wichtiger ist es für alle Städte Deutschlands, sich die Stadt Freiburg zum Vorbild zu nehmen und den Klimaschutz zur Priorität zu machen. Denn was wir in den nächsten zwanzig Jahren mit unserem Planeten machen, wird darüber entscheiden, ob die Erderwärmung unter dem Mittelwert von zwei Grad bleiben kann oder nicht. Die Zukunft unserer Welt liegt in unseren Händen.


© DKK; Fotos: Aaliyah Sarauer, Luisa Ney

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