Column - On the Subject

Ukraine-Krieg und Klima-Krise

Jürgen Scheffran © D. Ausserhofer

Wie Krieg und Frieden mit den Folgen des Klimawandels zusammenhängen, analysiert Professor Jürgen Scheffran am aktuellen Krieg Russlands in der Ukraine. Nachhaltige Energieversorgung und wirksamer Klimaschutz sind auch ein wichtiger Beitrag zur Friedenssicherung.

Ein Editorial von Jürgen Scheffran, Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit, Universität Hamburg

In diesem Jahr liegt die Vorstellung des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome schon 50 Jahre zurück. 20 Jahre später vereinbarte die Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 Abkommen für den Schutz des Klimas, der Artenvielfalt und der Wüsten, und formulierte Leitlinien für nachhaltige Entwicklung. Dabei ausgeblendet wurde die Frage von Krieg und Frieden – ein Problem, das uns aktuell wieder einholt.

Wie der Weltklimarat (IPCC) in seinem Sechsten Sachstandsbericht aufzeigt, werden bei einer ungebremsten Aufheizung unseres Planeten die Folgen des Klimawandels immer deutlicher, Kipppunkte und Dominoeffekte im Klimasystem zunehmend wahrscheinlicher. Diese Risiken verbinden sich in komplexer Weise mit weiteren Krisen und Katastrophen – etwa Hitzewellen und Dürren mit Gewaltkonflikten und Vertreibungen. Eine Folge ist der Anstieg von Krisenindikatoren wie die Zahl von Wetterextremen, Flüchtlingen, Gewaltkonflikten und Militärausgaben, die 2021 Höchstwerte erreichten. Solche komplexen Zusammenhänge von Klima- und Konfliktrisiken sind einer meiner Forschungsschwerpunkte (mehr dazu in meiner DKK-Kolumne von 2016 „Komplexe Krisen und das Klima der Unsicherheit“) – und zeigen sich auch deutlich im aktuellen Ukraine-Krieg.

Fossile Konflikte

Viele dieser negativen Entwicklungen verdichteten sich Anfang 2022 in dem russischen Krieg in der Ukraine, der pessimistische Szenarien noch übertrifft: zerstörte Städte mit zahlreichen Toten und Verwundeten, Millionen Flüchtlinge, Vorwürfe von Genozid, Angriffe auf Nuklearanlagen, Eskalationsspiralen an der Schwelle zum Weltkrieg oder gar Atomkrieg, ein Wirtschaftskrieg unter Einsatz härtester Sanktionen, ein rasanter Anstieg von Lebensmittel- und Energiepreisen wie auch von Rüstungsausgaben. Ausfälle in Lieferketten, Energieversorgung und Nahrungsmittelproduktion treffen eine durch die Corona-Pandemie gebeutelte und von der Inflation geschwächte Weltwirtschaft, worunter ärmste Menschen am stärksten leiden. So wird der Ukraine-Krieg zum Multiplikator einer eskalierenden Mehrfachkrise. Die Lage erinnert an die Umbrüche vor hundert Jahren, mit Erstem Weltkrieg, Spanischer Grippe, Weltwirtschaftskrise und Faschismus, der zum Zweiten Weltkrieg führte.

Während es damals auch um die Kontrolle der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Erdgas ging, die für das industrielle Zeitalter von zentraler Bedeutung waren, geht es heute um das krisenhafte Ende des fossilen Zeitalters. Dessen Probleme werden durch den Krieg offenkundig und untergraben nachhaltige Lösungen, durch Umwidmung von Finanzmitteln und Ressourcen, Verschiebung der öffentlichen Aufmerksamkeit, Destabilisierung von Märkten, Beeinträchtigung von Kooperation sowie durch geopolitische Machtkämpfe und die Zerstörung von Natur und Gesellschaft. Der Krieg multipliziert frühere Fehler und Versäumnisse, die zur Energiekrise geführt haben. Die fossile Energieinfrastruktur, die in Friedenszeiten die Volkswirtschaften in Ost und West verband, dient in Kriegszeiten als Kampfmittel, Konfliktziel und Finanzinstrument für die Kriegsmaschinerie. Sie zeigt zugleich die Abhängigkeit Deutschlands von den fossilen Energiequellen Russlands, deren Sanktionierung auch die eigene Wirtschaft trifft und soziale Verwerfungen riskiert.

Klima und Krieg

Wenn weltweit Ökosysteme und lebenswichtige Ressourcen wie Wasser und Ozeane, Ackerland und Boden, Wälder und Artenvielfalt aufgrund der Folgen des Klimawandels verlorengehen oder Wetterextreme die Lebensgrundlagen gefährden, stehen die menschliche Sicherheit und die gesellschaftliche Stabilität weltweit auf dem Spiel. Dies zeigt sich in den Brennpunkten des Klimawandels wie im Mittelmeerraum und in der Sahelzone Afrikas, in großen Teilen Asiens und Lateinamerikas, aber auch in Europa, Nordamerika, China oder in der Arktis durch geopolitische Konflikte, die kooperative Lösungen zur Bewältigung der Klimakrise untergraben.

Rüstung und Krieg sind nicht nur für Menschen gefährlich, sondern auch für die Umwelt. Bewaffnete Konflikte setzen Schadstoffe frei, beeinträchtigen die Versorgung mit natürlichen Ressourcen und finanzieren sich über ihre Ausbeutung – von Wäldern bis zu Rohstoffen. Armeen gehören zu den größten Verbrauchern von fossilen Energien und Ressourcen, die durch militärische Interventionen gesichert werden – von Tankerrouten bis zu Pipelines. Steigende Militärausgaben gehen auf Kosten von nachhaltigem Umweltschutz, Ressourcennutzung und der Bewahrung der Biodiversität. Der Ukraine-Krieg multipliziert diese Risiken, setzt große Mengen fossiler Brennstoffe und Treibhausgase frei, fördert Aufrüstung und die Zerstörung der Infrastruktur. Nuklearanlagen sind militärischen Angriffen ausgesetzt, Drohungen mit einem Atomwaffeneinsatz riskieren über den Nuklearen Winter die Gefahr einer Destabilisierung des Weltklimas und der Auslöschung der Menschheit.

Zeitenwende jetzt gestalten

Mit einer gegenseitigen Verstärkung von Klimarisiken und Konfliktrisiken, der Militarisierung der Klimapolitik und weiterer Kriegseskalation droht eine destabilisierende Abwärtsspirale von Konfrontation, Umweltzerstörung und Aufrüstung. Enorme finanzielle Mittel sind dadurch gebunden und kooperative Lösungen des Klimawandels werden erschwert. Wie schon in der Corona-Pandemie oder der Starkregenkatastrophe im Ahrtal geht es weniger um präventive Schadensvermeidung und zukunftsorientierte Lösungen als vielmehr um Katastrophenmanagement und nachsorgende Schadensbekämpfung, die weit teurer sind und die Gestaltung unserer Zukunft einschränken.

Da die Abkehr von den fossilen Energieträgern sowohl Gewaltkonflikte wie auch die Klimakrise verringert, zeigt sich die Dringlichkeit einer sozial-ökologischen Transformation. Deren Kern ist die Energie-, Agrar- und Verkehrswende, verbunden mit Effizienzsteigerung und Energieeinsparung, erneuerbaren Energiequellen und Dekarbonisierung, Strom und Wasserstoff als Energieträgern, einer Kreislaufwirtschaft und naturnahen Lösungen. Dabei sind Energiekonflikte ebenso zu vermeiden wie riskante Abhängigkeiten von strategischen Rohstoffen und Konfliktmineralien.

Wichtig ist es, die anvisierte Zeitenwende so zu gestalten, dass sie die zukünftigen Herausforderungen für die planetare Sicherheit bestmöglich bewältigen kann. Statt durch das Wechselspiel von Wachstum, Macht und Gewalt destabilisierende Kipppunkte und Kettenreaktionen anzustoßen, können Synergien und Verstärkereffekte so genutzt werden, dass das Verhältnis von Mensch und Natur in Richtung positiver Transformationsprozesse kippt. So wäre eine Zeitenwende für eine resiliente Energieversorgung und Klimaschutz innerhalb planetarer Grenzen auch ein Beitrag zur nachhaltigen Friedenssicherung.

 

Zum Autor
Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Geographie-Professor und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Im Exzellenzcluster CLICCS der Universität forscht er im Bereich Konflikt und Kooperation an der Schnittstelle von Klima und Sicherheit.

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11. Mai 2022

Bildnachweis: D. Ausserhofer

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