DKK-Jahrestagung 2017

Klima-Experten ziehen wissenschaftliche und politische Bilanz

Rund 500 Tage nach der Unterzeichnung des Klimaabkommens von Paris und etwa ebenso viele Tage vor der ersten Nachbesserungsrunde fand die zweite DKK-Jahrestagung in Berlin statt. Expertinnen und Experten diskutierten über die wissenschaftlichen Beobachtungen des Klimawandels, die kommunikativen Herausforderungen unserer Zeit und welche Forschungsfragen die gesellschaftliche Transformation zu einer treibhausgasneutralen Welt unterstützen können. 

Zwei Tage nachdem der US-amerikanische Präsident Donald Trump den Klimaschutzplan der Obama-Regierung mit einem Dekret außer Kraft gesetzt hat, machte nicht nur der DKK-Vorstandsvorsitzende Prof. Mojib Latif in seiner Begrüßung, sondern auch sechs Forscherinnen und Forscher im ersten Teil der DKK-Jahrestagung am 30. März klar, dass die Erderwärmung ungehindert voranschreitet und die Folgen in den kommenden Jahren vielfach spürbar werden.

Die Erderwärmung schreitet ungehindert voran

Das belegen nicht zuletzt die globalen Temperaturmessungen, die 2016 zum dritten Mal in Folge einen Rekord aufstellten. Die Expertinnen und Experten des Deutschen Klima-Konsortiums blickten im von Latif betreuten und moderierten Teil auf Deutschland, die Ozeane, die Eisschilde, auf Wetterextreme und Feuer im Erdsystem. DWD-Vizepräsident und DKK-Vorstandsmitglied Dr. Paul Becker zeigte, welche Veränderungen des Klimas in Deutschland gemessen wurden. Er erinnerte an die Unwetter in Simbach und Braunsbach oder den Tornado in Hamburg im vergangenen Jahr und schloss mit folgender Einschätzung: „Ich gehe davon aus, dass solche Ereignisse wie in Simbach häufiger werden und in einer wahrscheinlich wärmer werdenden Welt auch extremer.“ Prof. Peter Braesicke ergänzte den Vortrag mit einem Blick in die Zukunft und damit auf die Projektionen des Klimas und möglicher Wetterextreme. Die Ozeanographin Prof. Monika Rhein von der Universität Bremen, die ebenso Mitglied des DKK-Vorstands ist, sprach über die Bedeutung globaler und kontinuierlicher Langzeit-Messungen im Ozean. Nur so seien die Dynamiken im Ozean sowie die Ozeanzirkulation oder auch die regionalen Änderungen des Meeresspiegels besser zu verstehen.

Prof. Monika Rhein und Dr. Silvia Kloster während der Diskussion © DKK
JProf. Ricarda Winkelmann © DKK
Prof. Peter Braesike, Dr. Paul Becker und Prof. Mojib Latif © DKK

Junior-Prof. Ricarda Winkelmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung verdeutlichte die Bedeutung der Eisschilde in Grönland und der Antarktis für unsere Erde und unser Klima mit ihrem Meeresspiegelpotenzial. Würde das komplette Eisschild in Grönland schmelzen, würde der globale Meeresspiegel um rund sieben Meter ansteigen – beim Schmelzen der kompletten Antarktis wären es sogar über 55 Meter. Diese sehr sensiblen Klimasystemkomponenten könnten sogar schon kippen, wenn die Erderwärmung, wie im Übereinkommen von Paris vereinbart, unter zwei Grad bliebe. Über ein noch eher unbekanntes Element der Erdsystemmodellierung, der Projektion von Feueraktivitäten, berichtete Dr. Silvia Kloster vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. All die besprochenen Aspekte wurden gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Anschluss interdisziplinär diskutiert und vertieft.

Kommunikation in schwierigen Zeiten

Der Kommunikation des im ersten Block angesprochenen Klimawissens widmete sich der zweite Teil der Jahrestagung. DKK-Vorstandsmitglied Prof. Jochem Marotzke eröffnete den Abschnitt mit einem Blick auf die Errungenschaften, Probleme und aktuellen Herausforderungen dieser grundlegenden Aufgabe. Das Übereinkommen von Paris ist ein großer Erfolg, trotzdem werden die kurzfristigen Klimaschutzziele etwa von Deutschland bis 2020 verfehlt. Aber auch von den Klimaforschenden forderte Marotzke mehr Engagement und Verständnis für die Eigenlogik der Politik, bevor er für die pointierte Keynote (zum PDF-Download) an Dr. Karl-Eugen Huthmacher vom Bundesministerium für Bildung und Forschung übergab. Huthmacher widmete sich in sieben kritisch-konstruktiven Thesen dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Er analysierte die aktuelle gesellschaftliche Situation zwischen Trump, Brexit und Rechtspopulisten in Europa: „In Zeiten, wo die Trennlinien zwischen wahr und falsch verschwinden und ein vernunftgeleiteter Diskurs von Wut, Empörung und allen Arten von Gefühlsausbrüchen verdrängt wird, hat es Wissenschaft besonders schwer. Allerdings muss man auch kritisch hinterfragen, was tut eigentlich die Wissenschaft, um dagegen zu halten.“ Er machte aber auch auf die Vorreiterrolle der Klimaforschung aufmerksam: „Es ist das große Verdienst der internationalen Klimaforschung, dass sie sich auf den IPCC-Prozess eingelassen und damit genau das ermöglicht hat, was wir nach meiner festen Überzeugung in allen Politikfeldern dringend brauchen – einen viel stärkeren Austausch zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und politischer Entscheidungsfindung.“

Prof. Karl-Eugen Huthmacher © DKK
Publikum während des Vortrags von Prof. Michael Brüggemann © DKK
Dr. Harry Lehmann © DKK

Auch Prof. Michael Brüggemann von der Universität Hamburg analysierte einen Wandel in der öffentlichen und medialen Kommunikation, den er mit dem Bild des „Trumpozän“ beschrieb (zur DKK-Kolumne zum Vortrag). In dieser Welt dienen in relativ durchsichtiger Weise „die Fakten“ dazu, die Gesellschaft zu exkulpieren – ihr jede Verantwortung an den Umweltproblemen zu erlassen. Er appellierte mit Blick auf die veränderten politischen und medialen Bedingungen an das Publikum, insbesondere die Forschenden, aber auch Studierende oder Interessierte sich aktiv an der Kommunikation in Online-Kommentaren, auf Wikipedia oder in sozialen Netzwerken zu beteiligen: „Wir können uns alle dafür engagieren, dass die am häufigsten weitergeleitete Geschichte auf Facebook zum Klimawandel keine Lügengeschichte ist, sondern relevante Informationen beinhaltet – sodass Wissenschaft im Web wieder erkennbarer und sichtbarer wird als Pseudowissenschaft.“ Dr. Harry Lehmann vom Umweltbundesamt ergänzte diese Ausführungen mit Kommunikationserfahrungen aus einer oberen Bundesbehörde und betonte, wie wichtig eine konstante und permanente Diskussion auch mit Personen ist, die vor Kurzem einen Artikel gelesen haben, in dem der Klimawandel geleugnet wird. Dr. Peer Seipold sprach wiederum über den Wissenstransfer aus der Klimaforschung in die Wirtschaft. Als Wissenschaftler befasst er sich am Climate Service Center Germany genau mit diesem Bereich. Auch der zweite Block endete mit einer regen Diskussion.

MOOC, K3, COP 23  – Wissenstransfer des Deutschen Klima-Konsortiums

Beispiele für die Kommunikation der Klimaforschung folgten im Input von DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck. Das Deutsche Klima-Konsortium wird passend zur COP 23 in Bonn eine kostenlose Online-Vorlesung zum Klimawandel auf Englisch veröffentlichen. Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amts wird im Moment eine erweiterte und aktualisierte englische Version der bereits auf Deutsch verfügbaren Online-Vorlesung zum Klimawandel produziert. DKK-Projektmitarbeiter Nils-Daniel Gaertner stellte den Climate Course und den neuen Trailer auf der Jahrestagung vor:

Eine Möglichkeit, sich intensiver mit dem Thema Klimakommunikation auseinanderzusetzen, bietet K3, eine Konferenz, die das DKK im Herbst dieses Jahres in Salzburg gemeinsam mit drei weiteren Partnern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erstmals veranstalten wird. Als Schaufenster in die internationalen Weltklimaverhandlungen wird wie jedes Jahr das Briefing vor der COP 23 in Zusammenarbeit mit AA und BMUB stattfinden – weitere Veranstaltungen zum Wissenstransfer in Bonn selbst sind außerdem geplant.

Forschung für die Transformation zu einer treibhausgasneutralen Welt

Die dritte Session der DKK-Jahrestagung befasste sich unter Leitung von DKK-Vorstandsmitglied Prof. Gernot Klepper mit der Frage, welche Forschungsfragen die gesellschaftliche Transformation zu einer treibhausgasneutralen Welt unterstützen können. Denn es geht nicht mehr um die Definition von Zielen des Übereinkommens von Paris und der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, sondern es geht darum, Mittel und Wege zu finden, diese Ziele zu erreichen. Wie Wissenschaft diesen Prozess unterstützen kann, wurde in der Keynote von Dr. Karsten Sach vom Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und in der daran anschließenden Paneldiskussion erörtert. Sach betonte etwa die Konzeption des Klimaschutzplans 2050 als lernenden Prozess, dessen Leitlinien und Maßnahmen bis 2018 ergänzt und immer wieder überprüft und angepasst werden sollen. Hier sieht Sach eine wichtige Beteiligungsmöglichkeit der Wissenschaft. DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck hat daraufhin beispielsweise an der fünften Sitzung des Aktionsbündnisses Klimaschutzplan teilgenommen.

Dr. Karten Sach © DKK
Moderatorin Lilo Berg und Prof. Andreas Löschel bei dem Abschlusspanel © DKK
Sabine Nallinger © DKK

Auf dem Panel – moderiert von der Berliner Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg – diskutierten zum Abschluss Dr. Karsten Sach und Dr. Karl-Eugen Huthmacher mit Experten aus der Wirtschaft und den Wirtschaftswissenschaften unter anderem, wie ein Umbau der Wirtschaft in den kommenden Jahren gelingen kann. Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2°, betonte die zentrale Rolle der Unternehmen bei der Transformation unserer Gesellschaft und für das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels. Unternehmen seien flexibler als das politische System und somit auch ein interessanter Partner für die Wissenschaft – trotzdem führe an politischer Regulierung kein Weg vorbei, um eine Dekarbonisierung zu erreichen. Der Mikroökonom Prof. Andreas Löschel von der Universität Münster berichtete als Vorsitzender der Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft" über die wissenschaftlich analysierten Herausforderungen bei der Energiewende. Um die sehr ambitionierten Ziele des Klimaschutzplans zu erreichen, brauche es ein Nachjustieren – etwa im Bereich Netzausbau, Klimaschutz und Energieeffizienz. Nachdem auch zum Abschluss dieses Panels die Fragen und Anregungen aus dem Publikum beantwortet worden waren, endete der offizielle Teil der zweiten DKK-Jahrestagung. 

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