Die Agenda nach 2030: Zukunft der globalen Nachhaltigkeitsziele
03.08.2026 | Zur Sache
03.08.2026 | Zur Sache
Ein Editorial von Prof. Dr. Mark Lawrence vom RIFS, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung
Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Diskussionen vor einigen Jahrzehnten, als die Frage im Raum stand, ob es nicht zu früh sei, über Klimaanpassung zu sprechen? Damals machten sich die Auswirkungen des Klimawandels an verschiedenen Orten rund um den Globus gerade erst bemerkbar. Es wurde rege darüber diskutiert, ob nicht sofort dringend nötige Anpassungsmaßnahmen umgesetzt werden müssten oder ob eine Diskussion über Anpassung von einigen einflussreichen Akteuren aus der Industrie ausgenutzt werden könnte, um gegen Einschränkungen des Verbrauchs fossiler Brennstoffe zu werben. Inzwischen ist die Diskussion über Klimaanpassungsmaßnahmen weithin anerkannt und akzeptiert. Ähnliche Debatten gibt es seit einigen Jahren über die Nutzung von CCS (Kohlenstoffabscheidung und -speicherung) und CDR (Kohlendioxidentfernung). Zudem kommt nun die Frage auf, wie wir die Motivation aufrechterhalten können, die diversen Klimaziele (sowohl Temperaturziele als auch CO2– bzw. Treibhausgasneutralität) weiter zu verfolgen, vor dem Hintergrund der drohenden Überschreitung des ambitionierten 1,5-Grad-Ziels des Pariser Abkommens. Das Deutsche Klima-Konsortium hat sich in einer sorgfältigen Einschätzung damit befasst.
Seit einigen Jahren gibt es eine ähnliche Diskussion in Bezug auf die internationale Nachhaltigkeitsagenda. Die 2015 verabschiedete Agenda 2030 der Vereinten Nationen (VN) mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ist der wichtigste globale Fahrplan für nachhaltige Entwicklung. Da wir uns dem Jahr 2030 nähern, stellt sich nicht überraschend die Frage: „Wird es eine Nachhaltigkeitsagenda nach 2030 geben?“ Welche Herausforderungen bestehen bei der sinnvollen Vorbereitung eines solchen Prozesses unter den derzeitigen Rahmenbedingungen – vor allem, wenn es immer klarer wird, dass viele Ziele bis 2030 nicht erreicht werden – und wie kann eine Agenda für die Zeit nach 2030 auf partizipative und gerechte Weise unter den Mitgliedstaaten verhandelt werden? Sicher braucht es dafür eine enge Partnerschaft zwischen allen Ländern der Welt, bei der Ungleichheiten sowie Fragen fairer Lastenteilung und differenzierter Verantwortlichkeiten stärker berücksichtigt werden.
Bis vor Kurzem wurde international eher zurückhaltend über eine Agenda für die Zeit nach 2030 diskutiert, auch um die Zielerreichung bis 2030 nicht zu gefährden. Angesichts des langen Zeitraums, der für die Entwicklung einer wissenschaftlich informierten politischen Agenda erforderlich ist, hat mir das jedoch immer wieder Sorge bereitet. Gleichzeitig ist die aktuelle geopolitische Lage, anders als in den Jahren vor 2015, von vielen starken Akteuren, Narrativen und Handlungen, die konkret gegen eine nachhaltige Entwicklung agieren, geprägt. Daher werden verschiedene Aspekte einer künftigen Nachhaltigkeitsagenda vorsichtig auf der internationalen Bühne diskutiert, z.B. beim diesjährigen Hochrangigen Politischen Forum (HLPF) für nachhaltige Entwicklung der VN, das gerade in New York stattgefunden hat und an dem meine RIFS-Ko-Direktorin und DKK-Vorständin, Doris Fuchs, sowie weitere Kolleg*innen als Teil der deutschen Delegation teilgenommen haben. Für Interessierte: ein ausführlicher Bericht zum HLPF 2026 kann hier gelesen werden. In diesem Editorial möchte ich die Gelegenheit nutzen, der DKK-Community drei zentrale Argumente dafür darzulegen, warum es trotz aller geopolitischen Herausforderungen wichtig ist, die Entwicklung einer neuen Agenda für die Zeit nach 2030 weiterhin wissenschaftlich zu unterstützen.
Erstens basiert die Agenda 2030 auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der VN. Diese ist universell gültig und wird es auch nach 2030 bleiben. Im Rahmen des HLPF wurde noch einmal hervorgehoben, dass diese tiefe Verbindung durch den „Pact for the Future” von 2024 zusätzlich gestärkt wird. In diesem wird die Bedeutung der Menschenrechte als Querschnittsprinzip für alle Politikbereiche und als Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung betont. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Millennium Development Goals (MDGs) wird die Agenda 2030 daher nicht als isoliertes Entwicklungsprogramm verstanden, sondern zunehmend als Teil eines umfassenderen, menschenrechtsbasierten und auf der VN-Charta beruhenden Ordnungsrahmens. Daher behalten die SDGs, obwohl sie auf das Jahr 2030 ausgerichtet sind, grundsätzlich auch darüber hinaus ihre Gültigkeit. Die Herausforderung besteht jedoch darin, dies zu vermitteln, ohne dass der falsche Schluss gezogen wird, es sei in Ordnung, die Anstrengungen zur Erreichung der Ziele bis 2030 herunterzufahren. Unter anderem deshalb lohnt es sich, über die SDGs im Sinne von „until and beyond 2030“, wie häufig verwendet, nachzudenken.
Zweitens stellen die SDGs nicht alle aktuell als wichtig identifizierten Aspekte der Nachhaltigkeit dar. Selbst wenn wir alle SDGs noch bis 2030 vollständig erreichen würden, wären wir noch nicht am Ziel und unsere Gesellschaften wären noch nicht „nachhaltig“. Zwar würde die Erreichung der SDGs in der Tat zu einer weitaus gerechteren, gesünderen, lebenswerteren und angenehmeren Welt für die große Mehrheit der Weltbevölkerung führen. Jedoch umfasst Nachhaltigkeit weit mehr als die SDGs, die nur einen Teil des gesamten Spektrums umfassender Nachhaltigkeit abdecken können. Aus dieser Perspektive ist eine Auseinandersetzung mit einer Agenda für die Zeit nach 2030 umso wichtiger, um bestehende Ziele zu integrieren bzw. weitere Aspekte der Nachhaltigkeit aufzunehmen, während gleichzeitig intensiv an der Erreichung der in der Agenda 2030 bisher festgelegten Ziele gearbeitet wird.
Drittens ist Nachhaltigkeit nicht nur umfassender als die SDGs der Agenda 2030, sie ist auch kein statisches Ziel. Angesichts des Tempos der technologischen Entwicklung sowie der zu erwartenden anhaltenden und fortschreitenden Umweltveränderungen, insbesondere des Klimawandels, wird sich das, was heute für Nachhaltigkeit notwendig ist, sehr wahrscheinlich von dem unterscheiden, was in den nächsten Jahrzehnten als notwendig erachtet wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Rolle, die künstliche Intelligenz (KI) bereits heute und in naher Zukunft verstärkt bei nachhaltigkeitsbezogenen Bestrebungen spielt bzw. spielen wird. Heutzutage ist es schwer vorstellbar, dass eine ernsthafte Agenda für die Zeit nach 2030 die Chancen und Risiken der KI-Technologie sowie anderer digitaler und biotechnologischer Entwicklungen wie Quantencomputing, subkutaner Chip-Implantate und genetischer Eingriffe nicht wesentlich berücksichtigt. Wenn wir also heute 15 Jahre in die Zukunft blicken, sieht eine Nachhaltigkeitsagenda zwangsläufig anders aus als in 2015, als man auf das Jahr 2030 blickte.
Wissenschaftliche Erkenntnisse über zukünftige Entwicklungen brauchen jedoch Zeit – das kennen wir aus der Klimaforschung. Daher ist es wichtig, sich jetzt schon in der Forschung sowie für Dialoge und Verhandlungen zur Agenda für die Zeit nach 2030 aktiv vorzubereiten. Gleichzeitig muss die internationale Politik, mit Unterstützung der Wissenschaft, alle Anstrengungen unternehmen, um die SDGs und ihre jeweiligen Unterziele bis 2030 bestmöglich zu erreichen. Vor dem Hintergrund geopolitischer Herausforderungen gilt es, sie in angepasster Form in eine neue Agenda zu überführen, um einen weiteren Schritt in Richtung gerechter und humaner Lebensbedingungen für die gesamte Weltbevölkerung sowie für das Wohlergehen des gesamten Ökosystems Erde zu machen.
Prof. Dr. Mark Lawrence ist Wissenschaftlicher Direktor am RIFS, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (ehemals IASS), und befasst sich mit den zentralen Herausforderungen des Anthropozäns. In seinem Team verbindet und wendet er eine große Vielfalt wissenschaftlicher Expertise an, einschließlich seiner eigenen in Atmosphärenwissenschaften. Über diese interdisziplinäre Grundlage hinaus bezieht er auch gesellschaftliche Akteure in einen transdisziplinären Forschungsansatz ein.
Zu seinen zentralen transformativen Forschungsthemen gehören Luftverschmutzung, Klimawandel, Climate Engineering, umweltbezogene Governance in stark gefährdeten Regionen wie dem Himalaya, der Arktis und den Ozeanen sowie die auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Schnittstellen zwischen den Wissenschaften und anderen wichtigen Wissensgemeinschaften wie den Künsten, Religionen und indigenen Völkern.
Zudem setzt er sich aktiv für eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen als wichtigen Baustein der Nachhaltigkeit ein. Dazu gehört auch die Erforschung der Gemeinsamkeiten zwischen persönlicher und systemischer Transformation und der Denkweisen, die notwendig sind, um diese Transformationen miteinander in Harmonie zu bringen.