Die unerforschten Zonen des Ozeans erschließen: Eine neue Grenze in der Erdsystemforschung
31.08.2026 | Zur Sache
31.08.2026 | Zur Sache
Ein Editorial von Dr. Christophe Galerne vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen
„Unser Haus brennt, und wir schauen weg.“ – Jacques Chirac, 2002.
Zwei Jahrzehnte später laufen wir Gefahr, diesen Fehler bei unseren Ozeanen zu wiederholen. Zwar werden die Meeresoberflächentemperaturen (Sea Surface Temperature – kurz SST) kontinuierlich per Satellit überwacht. Dennoch wissen wir überraschend wenig darüber, was nur wenige Meter darunter geschieht – dort, wo der Ozean den Großteil der durch Treibhausgase gebundenen überschüssigen Wärme aufnimmt und speichert. Während der offene Ozean durch schwimmende Beobachtungssysteme überwacht wird, sind flache Küstengewässer nach wie vor stark unterbeobachtet. Auf den flachen Küstenschelfen – die sieben Prozent der weltweiten Ozeanfläche ausmachen – wird dieser Prozess nach wie vor nur unzureichend überwacht, da die bestehenden Meeresbeobachtungssysteme nicht für diese Umgebungen ausgelegt sind. Können wir vollständig verstehen, wie der Ozean das Erdklima reguliert, wenn sieben Prozent der Weltmeere nur unzureichend beobachtet werden?
Als ich vor mehr als fünfzehn Jahren das Tauchen lernte, wurde mir schnell klar, dass jede:r Taucher:in unwissentlich ein wissenschaftliches Instrument bei sich trägt: einen Tauchcomputer am Handgelenk. Tauchcomputer dienen der Sicherheit, zeichnen aber auch kontinuierlich die Temperatur auf. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Sicherlich muss doch schon jemand diese Messwerte für die Wissenschaft sammeln. Man sagte mir: „Das ist doch klar – irgendwann wird es schon jemand tun.“ 15 Jahre später hatte es noch niemand getan. Während eines beiläufigen Gesprächs mit einem sehr erfahrenen Taucher am Neujahrstag 2023 erfuhr ich, dass die winterliche Abkühlung rund um Malta seit mehreren Saisons nicht mehr zu beobachten war. Als die globale Meeresoberflächentemperatur später in jenem Jahr einen Rekordwert erreichte, wurde mir klar, dass diese Gespräche nicht länger ignoriert werden konnten – ich wusste, was ich zu tun hatte.
Ein einfaches Prinzip leitet die Wissenschaft: Wir können nicht verstehen, was wir nicht messen. Die Beobachtungen, die wir benötigen, existieren bereits. Sie werden jeden Tag still und leise an den Handgelenken von Millionen von Tauchern auf der ganzen Welt aufgezeichnet. Wir müssen sie nur zusammenführen.
Im Jahr 2024 startete ich BlueDOT, eine Citizen-Science-Initiative, die die bereits in individuellen Tauchcomputern gespeicherten Temperaturmessungen in wissenschaftliche Beobachtungen umwandelt. BlueDOT wird am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen – gehostet und gemeinsam mit DiveLogs.org entwickelt. Die Initiative ermöglicht es Taucher:innen, ihre historischen Tauchprofile anonym zu teilen. Was ursprünglich zur Tauchsicherheit erfasst wurde, wird zu einer einzigartigen Aufzeichnung von Umweltveränderungen.
Das ist von Bedeutung, weil der Ozean 90 Prozent der durch Treibhausgase gebundenen überschüssigen Wärme absorbiert, wir jedoch noch immer nicht vollständig verstehen, wie sich diese Wärme unter der Wasseroberfläche verteilt. Ein Großteil dieser Wärme wird im oberen Ozean übertragen, in Tiefen, die für Sporttaucher:innen erreichbar sind.
Bis Juni 2026 haben Taucher:innen mehr als 330.000 Tauchgänge in die Datenbank hochgeladen, die einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten in Küstengebieten rund um den Globus abdecken. Die Analysen unserer qualitätsgeprüften Daten zeigen nun Temperaturanstiege unter der Wasseroberfläche, die von herkömmlichen Beobachtungssystemen weitgehend übersehen wurden. Im Mittelmeer deuten die Daten auf eine anhaltende Erwärmung in der Tiefe im letzten Jahrzehnt hin. Könnte diese verborgene Wärme zu den seit 2023 beobachteten Meereshitzewellen beitragen? Kann sie lokale Meeresökosysteme bedrohen und die Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse beeinflussen? Das sind Fragen, denen wir nun nachgehen können.
Wenn Sie Taucher:in sind, enthält Ihr Tauchcomputer möglicherweise bereits Beobachtungen, die zu diesen Bemühungen beitragen können. Wenn Sie Wissenschaftler:in sind: Was könnten Sie mit diesen neuen Einblicken in die Küstengewässer entdecken?
Dr. Christophe Galerne ist Taucher und Wissenschaftler am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen und hat sich auf Vulkanologie und Meeresgeowissenschaften spezialisiert. Seine Arbeit schlägt eine Brücke zwischen der Erdsystemwissenschaft und der Tauchgemeinschaft, um die Überwachung des Meeresklimas voranzutreiben. Seine aktuelle Forschung befasst sich mit der Dynamik der Thermokline an flachen Küstenschelfen.