DKK-Jahrestagung zu Klimaanpassung & sozialer Gerechtigkeit

19.01.2026

„Ungleiche Auswirkungen des Klimawandels – Klimaanpassung sozial gerecht gestalten“

Datum: 18. März 2026 | 09:00–17:00 Uhr

Ort: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Georg-Voigt-Str. 14-16, 60325 Frankfurt am Main

Am 18. März 2026 fand die Jahrestagung des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) in den Räumlichkeiten der DKK-Mitgliedsorganisation Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main statt. Unter dem Titel „Ungleiche Auswirkungen des Klimawandels – Klimaanpassung sozial gerecht gestalten“ diskutierten über 100 Gäste aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Praxis zentrale Herausforderungen und Lösungsansätze für eine sozial gerechte Klimaanpassung. Dabei wurde u.a. folgenden Fragen nachgegangen: Was bedeuten die sozial ungleichen Auswirkungen des Klimawandels für eine gerechte Anpassung? Wie lassen sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftswissenschaftlichen Analysen von Ungleichheit und Vulnerabilität verbinden? Welche Rolle spielen Beteiligung und transparente Entscheidungsprozesse – und wie können die Finanzierung und die Verteilung von Mitteln fair gestaltet werden?

Begrüßung und wissenschaftliche Keynotes

Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Angela Oels, DKK-Vorständin & Zentrum für Klimaresilienz Universität Augsburg, und Prof. Dr. Thomas Hickler, DKK-Vorstand & Senckenberg Frankfurt, wurde die Tagung durch zwei wissenschaftliche Keynotes eröffnet.

Prof. Dr. Lucas Chancel, Sciences Po Paris, legte dar, dass das Vermögen der reichsten Bevölkerungsanteile stark ansteigt, während gemeinschaftliche Güter abnehmen. Er beschrieb eine dreifache Klima-Ungleichheitskrise: Sowohl die Verursachung des Klimawandels als auch die ökonomischen Folgen der Schäden und die finanziellen Kapazitäten zur Anpassung sind äußerst ungleich verteilt. Vor diesem Hintergrund betonte er die Notwendigkeit erheblicher Investitionen nicht nur in Klimaschutz, sondern eben auch in Klimaanpassung. Insbesondere jenen Bevölkerungsgruppen weltweit, die stark von Klimawandelauswirkungen betroffen sind und über wenig finanzielle und institutionelle Kapazitäten für Anpassungen verfügen, sollte der politische Fokus gelten. Zugleich unterstrich er die zentrale Rolle der Besteuerung großer Vermögen, um eine sozial gerechte Finanzierung von Klimaanpassung zu ermöglichen.

Dr. Roda Verheyen, Rechtsanwälte Günther Partnerschaft, erklärte in der zweiten Keynote, dass der Schutz der stark verwundbaren Bevölkerungsgruppen und die dazugehörige Finanzierung völkerrechtlich verpflichtend ist. Auf nationaler Ebene schreiben das Klimaschutzgesetz und das Klimaanpassungsgesetz vor, dass soziale Folgen berücksichtigt werden sowie eine Zunahme sozialer Ungleichheiten verhindert werden müssen. Verheyen hob hervor, dass das Themenfeld Klimaanpassung und soziale Gerechtigkeit in den Rechtswissenschaften und darüber hinaus noch stark unterforscht sind. Daher bestehe auch rechtliche Unklarheit – insbesondere im Hinblick auf die Frage, was ein vom Bundesverfassungsgericht beschriebenes „hinnehmbares Maß“ an Klimafolgen konkret bedeute. Auch die Finanzierung von Klimaanpassung sei bislang nicht systematisch geklärt: Zwar sei eine Finanzierung etwa über das Sondervermögen derzeit nicht vorgesehen, grundsätzlich jedoch möglich.

Workshops zu zentralen Fragen der Tagung

In vier parallelen Workshops wurden zentrale Aspekte der Klimaanpassung vertieft diskutiert.

Im ersten durch Prof. Dr. Angela Oels moderierten Workshop „Geplante Umsiedlung und Migration als Anpassungsstrategien im internationalen Kontext: Die Diskussion um Unbewohnbarkeit“ wurde deutlich, dass Menschen ihre Heimat in der Regel nicht verlassen wollen. Klimaschutz und insbesondere Klimaanpassung seien daher entscheidend, um Lebensräume zu erhalten. Es müsse – gerade mit Blick auf Finanzierungsfragen – verstärkt über die Verursacher gesprochen werden. Für eine politische Implementierung reichen wissenschaftliche Fakten allein nicht aus – eine zentrale Rolle spielen vielmehr politische und gesellschaftliche Diskurse.

Im zweiten Workshop „Anpassungspolitik lokal: Beteiligung sozial gerecht gestalten“, moderiert durch Prof. Dr. Mark Lawrence, DKK-Vorstand & Research Institute for Sustainability, wurde über die Bedeutung von Machtverhältnissen und Interessenkonflikten sowie über die Folgen von Vulnerabilitätszuschreibungen (Selbstwahrnehmung, Fremdzuschreibung) gesprochen. Als zentral wurde die stärkere Verknüpfung von Gerechtigkeitskonzepten auf der Metaebene und praktischer Umsetzung insbesondere auf kommunaler Ebene identifiziert.

Im dritten Workshop „Wissenschaftliche Evidenz zu Klimaauswirkungen und Anpassungsgerechtigkeit“, moderiert durch Prof. Dr. Thomas Hickler, stand die Rolle wissenschaftlicher Evidenz im Mittelpunkt. Die Diskussion unterstrich die Notwendigkeit, Klimamessungen und soziökonomische Daten besser zu verknüpfen. Dabei müssten auch Unsicherheiten in Klimamodellen und Szenarien transparent kommuniziert werden. Für die Interpretation und konkrete Nutzung von Daten – insbesondere im Kontext von Anpassungsmaßnahmen – brauche es ein gezieltes „Capacity Building“. Ebenso wichtig sei es, subjektive Wahrnehmungen in der Bevölkerung zu berücksichtigen. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, welche Akteure Anpassungsprozessen entgegenstehen.

Der vierte Workshop „Finanzierung für Klimaanpassung in Deutschland“, moderiert durch Prof. Dr. Christian Baatz, Universität Kiel, verdeutlichte, dass der konkrete Finanzierungsbedarf von Klimaanpassung politisch umstritten sei. Eine besondere Rolle habe zudem der private Sektor: Dieser habe sowohl Eigeninteressen an Anpassung als auch das Potential, zusätzliche Finanzierungsbeiträge zu leisten. Allerdings führe projektbasierte Finanzierung häufig zu einer ungerechten Verteilung von Finanzmitteln für Klimaanpassung.

Politische Keynote

Da Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg, terminlich verhindert war, wurde sie von Staatssekretär Dr. Andre Baumann vertreten. Baumann betonte die bereits heute spürbaren Auswirkungen des Klimawandels in Baden-Württemberg. Steigende Temperaturen, zunehmende Starkregenereignisse und erhebliche Belastungen für Wälder und Landwirtschaft verdeutlichen die Dringlichkeit von Anpassungsmaßnahmen. Auch die Wasserversorgung werde künftig zunehmend eine zentrale Herausforderung darstellen.

Baumann hob hervor, dass insbesondere vulnerable Gruppen stärker geschützt werden müssten – beispielsweise durch die Förderung blau-grüner Infrastruktur und innovative Ansätze wie „Hitzebusse“, die gefährdete Menschen gezielt aufsuchen können. Grundsätzlich müssten die sozialen Implikationen von Klimaanpassung in allen Infrastrukturprojekten systematisch mitgedacht werden. Im Land Baden-Württemberg gebe es aus einer Vielzahl von Projekten die praktische Erfahrung, dass eine “gescheite” Planung es Städten ermögliche, ohne Mehrkosten energetisch und klimaangepasst zu bauen und in der langen Frist dadurch sogar Kosten einzusparen.

Zugleich kritisierte er Defizite in der sozialen Ausgestaltung der CO₂-Bepreisung. Eine Rückverteilung der Einnahmen an die Bevölkerung sei notwendig, um gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern. Insgesamt betonte er die Bedeutung von Teilhabe und Partizipation: Ohne diese drohten top-down entwickelte Maßnahmen auf Widerstand zu stoßen.

© Foto DKK: Staatssekretär Dr. Andre Baumann

Paneldiskussion: Wege zu einer sozial gerechten Klimaanpassungspolitik

Den Abschluss der Tagung bildete eine Paneldiskussion zur Frage, was es für eine gerechte und angemessene deutsche Klimaanpassungspolitik braucht. Die Diskussion wurde von der Journalistin Hanna Gersmann moderiert. Panelistin Lavinia Bauerochse, Deutsche Bank, konnte aus privaten Gründen nicht teilnehmen.

Dr. Beatrice John, Co-Leiterin des Zentrums KlimaAnpassung, betonte mit Blick auf die Frage der Vulnerabilität, dass grundsätzlich alle Menschen von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen seien – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Entscheidend sei, Klimaanpassung durch maßgeschneiderte Lösungen umzusetzen, die den jeweiligen lokalen Anforderungen gerecht werden. Als Beispiel nannte sie erfolgreiche Anpassungsmaßnahmen in Kindertagesstätten, die passgenau auf die jeweiligen Abläufe und Rahmenbedingungen zugeschnitten sind.

Prof. Dr. Petra Döll, Hydrologin an der Goethe-Universität Frankfurt, hob hervor, dass jede Anpassungsmaßnahme mit Zielkonflikten („trade-offs“) verbunden sein könne und potentiell auch negative Effekte nach sich ziehe. Zudem müsse stärker über die Kosten unzureichender Emissionsminderung gesprochen werden, da die Schäden mit 1000 Euro pro Tonne CO₂ erheblich seien. Dabei verweist Döll auf aktuelle Daten des Umweltbundesamts.

Staatssekretär Dr. Andre Baumann unterstrich die gemeinsame Verantwortung von Politik und Gesellschaft, Klimaschutz und -anpassung gleichermaßen voranzubringen. Eine frühzeitige und gut durchdachte Klimaanpassung senke nicht nur Mehrkosten, sondern ermögliche wichtige Co-Benefits wie eine verbesserte Gesundheit, Lebensqualität und neue Jobs. Es sei außerdem wichtig einer sogenannten „grünen Gentrifizierung“ entgegenzuwirken, auch wenn Baumann hier insbesondere die kommunale Ebene in der Verantwortung sieht.

© Foto DKK: (v. l. n. r.) Hanna Gersmann, Dr. Andre Baumann, Prof. Dr. Petra Döll, Dr. Beatrix John

Abschluss

Zum Abschluss der Tagung verabschiedeten Prof. Dr. Angela Oels und Prof. Dr. Thomas Hickler die Teilnehmenden und fassten zentrale Impulse zusammen. Dabei wurde nochmals betont, welcher große Wissensschatz im Deutschen Klima-Konsortium gebündelt ist – insbesondere durch die enge Zusammenarbeit von Natur- und Gesellschaftswissenschaften.

Die Journalistin Judith Kösters aus der ARD-Klimaredaktion berichtete von der DKK-Jahrestagung. Hier geht es zum Radiobeitrag.