Grün für alle? Wenn Klimaanpassung auf Widerstände trifft
29.09.2026 | Zur Sache
29.09.2026 | Zur Sache
Ein Editorial von Dr. Sebastian Purwins und Dr. Malte Welling vom Zentrum für Klimaresilienz der Universität Augsburg.
Der Sommer 2026 veranschaulichte eindrücklich, welche Folgen des Klimawandels in Deutschland zu erwarten sind. Er lag mit 19,6 Grad im Mittel 3,3 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Ende Juni wurden deutschlandweit neue Rekordwerte aufgestellt, mit Temperaturen von bis zu 41,8 Grad. Die Rekordhitze hatte Folgen für Wirtschaft und Gesundheit. Das Robert Koch-Institut schätzt für 2026 rund 16.300 hitzebedingte Sterbefälle. Hitze gehört damit zu den gesundheitlich folgenreichsten Klimarisiken in Deutschland. Dabei verteilt sich die Belastung ungleich. Städte erwärmen sich aufgrund des urbanen Hitzeinseleffekts stärker als das Umland. Dicht bebaute und stark versiegelte Stadtquartiere erhitzen sich dabei tagsüber stärker und kühlen nachts schlechter ab. Und dort trifft es die am härtesten, die sich weder Klimaanlage noch Garten leisten können.
Es gibt in der städtischen Klimaanpassung eine Maßnahme, die in diesem Hitzesommer 2026 überall diskutiert wurde: Stadtgrün, vor allem Bäume. Kaum ein anderes Instrument leistet so vieles gleichzeitig: Ein ausgewachsener Straßenbaum beschattet den Boden unter sich, kühlt seine Umgebung durch Verdunstung, speichert Kohlenstoff, hält Regenwasser zurück, das sonst bei Starkregen die Kanalisation überfordert, filtert Feinstaub und macht Straßen und Plätze zu Orten, an denen Menschen sich in heißen Sommern noch gerne aufhalten. Dass Bäume gegen Hitzebelastung wirken, ist klar belegt. Ein Team um Jonas Schwaab von der ETH Zürich zeigte beispielsweise 2021 in Nature Communications, dass baumbestandene Flächen im Sommer rund zehn Grad kühlere Oberflächen aufweisen als bebaute, während baumfreie Grünflächen weniger als die Hälfte dieser Wirkung erreichen. Entscheidend ist also nicht Grün an sich, sondern das Kronendach. Tamara Iungman modellierte mit ihrem Team 2023 im Lancet für 93 europäische Städte, dass sich etwa ein Drittel der hitzebedingten Sterbefälle vermeiden ließe, wenn die Kronendeckung von damals knapp 15 auf 30 Prozent stiege.
Stadtbäume finden sich deshalb in der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel und in fast jedem kommunalen Anpassungskonzept. Trotzdem geht es mit Neupflanzungen langsam voran. Berücksichtigt man den Verlust von Altbäumen, nehmen die Kronendächer in deutschen Großstädten insgesamt sogar ab, wie der diesjährige „Hitze-Check“ der Deutschen Umwelthilfe zeigt. Was erklärt diese Divergenz zwischen Zielen und der Realität? In unserer Arbeit mit Kommunen beobachten wir, dass in den Ämtern die Bedeutung von Stadtbäumen bestens bekannt ist und durchaus Ambitionen zur Ausweitung des Bestandes bestehen. Vielmehr scheitern Baumpflanzungen im öffentlichen Raum an bürokratischen Hürden, anderer Priorisierung knapper finanzieller und personeller Ressourcen, sowie am Konflikt um knappe Flächen – wie der polarisierenden Frage, ob Parkplätze für neue Bäume weichen dürfen. Zudem ist ein erheblicher Teil der Flächen im Eigentum von Wohnungsunternehmen, Gewerbetreibenden und Privathaushalten. Bestehende Förderprogramme zur Begrünung solcher privaten Flächen sind nicht attraktiv genug, und Pflichten greifen meist nur im Neubau. Hinzu kommen mögliche Konflikte zwischen Klimaanpassung und sozialen Zielen. Beispielsweise warnen Fallstudien „Grüner Gentrifizierung“, dass unvorsichtig geplante Stadtbegrünung Mietpreise und Verdrängung weiter anfachen kann, und somit anderen zugutekommt als denen, die Hitzeschutz am nötigsten hätten. Klimaanpassung ist deshalb keine reine technische Aufgabe mit einem Umsetzungsdefizit, sondern auch ein Verteilungskonflikt um knappe Flächen, knappe Kassen und ungleich verteilte Lasten.
Diese Konflikte systematisch zu untersuchen und Lösungsansätze zu entwickeln, ist die Aufgabe unserer interdisziplinären Nachwuchsgruppe „Grün für Alle? Die gerechte Transformation zu resilienten Stadtquartieren”, kurz ArboRes, die wir am Zentrum für Klimaresilienz der Universität Augsburg leiten. In Kooperation mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und kommunalen Partnern in Augsburg und Berlin untersuchen wir, in welchen Kontexten und warum die Transformation zu klimaresilienten Städten auf derartige Konflikte trifft, und wie sich diese im Sinne einer gerechten Transformation überwinden lassen.
Der Sommer 2026 hat gezeigt, welche Hitzewellen uns in Zukunft bevorstehen. Wir wissen, dass wir mehr Bäume in den Städten brauchen, um deren Folgen abzumildern. Zu klären bleibt, wie Konflikte um Flächen, Ressourcen und Lasten in einer Weise ausgehandelt werden können, die eine effektive Klimaanpassung ermöglicht, dabei auch soziale Ziele berücksichtigt, und anstatt Polarisierung anzufachen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Damit unsere Städte auch in ein paar Jahrzehnten noch Orte sind, an denen sich alle gerne und gesund aufhalten können.
Dr. Sebastian Purwins und Dr. Malte Welling leiten seit November 2025 am Zentrum für Klimaresilienz der Universität Augsburg die Nachwuchsgruppe ArboRes – Grün für alle? Die gerechte Transformation zu resilienten Stadtquartieren. Die Gruppe ist eine Kooperation mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin mit Promotionsstellen in Umweltökonomie und Geographie am Zentrum für Klimaresilienz sowie Umweltpsychologie und Politikwissenschaft am IÖW. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert die Nachwuchsgruppe im Rahmen der Forschung für Nachhaltigkeit (FONA) für fünf Jahre.
Sebastian Purwins erforscht als Humangeograph, wie Städte angesichts des Klimawandels, sozialer Ungleichheiten und tiefgreifender Transformationsprozesse gestaltet und regiert werden. Im Zentrum steht die Frage, wie politische Ziele in Verwaltung, Planung und konkrete Veränderungen des städtischen Raums übersetzt werden und welche Folgen dies für unterschiedliche Orte und Bevölkerungsgruppen hat.
Malte Welling untersucht als interdisziplinär arbeitender Umweltökonom, wie Parks, Bäume, Gärten und Gründächer Städte klimaresilient und lebenswerter machen können, und welchen Wert dieses Stadtgrün für verschiedene Bevölkerungsgruppen hat. Dabei führt er repräsentative Umfragen durch und arbeitet mit Geodaten zur demografischen, sozio-ökonomischen und ökologischen Struktur der Städte.