Hamburg wählt Zukunft

27.10.2025 | Zur Sache

Prof. Johanna Baehr & Prof. Grischa Perino | Bildnachweis: Sebastian Engels Fotografie

Ein Editorial von Prof. Grischa Perino und Prof. Johanna Baehr, Universität Hamburg

„Wir wählen, wie wir leben wollen“ war der Slogan des Hamburger Zukunftsentscheids. Am 12. Oktober stimmten die Hamburger:innen in einem Volksentscheid mehrheitlich für eine Verschärfung des Hamburger Klimaziels und eine sozialverträgliche Umsetzung desselben. Es war ein Paukenschlag und ein klares Signal, dass Klimaschutz die Menschen in unserem Land nach wie vor bewegt und an die Urnen zieht. Was nach Lokalpolitik klingt, berührt in Wahrheit eine zentrale Frage der Klimaforschung: Welche Klimazukünfte wollen wir und wie können wir sie erreichen? Das ist auch eine zentrale Frage, die sich unser Exzellenzcluster CLICCS in seiner zweiten Förderphase ab 2026 stellen wird. Aufbruchstimmung der Klimaforschung und der Klimapolitik liegen im flutbedrohten Hamburg in diesen Tagen nah beieinander.

Moderne Klimaforschung will heute nicht mehr nur verstehen, was mit dem Erdsystem passiert, sondern auch, wie Gesellschaften das Erdsystem beeinflussen und von diesem beeinflusst werden. Dafür braucht es Interdisziplinarität – das Zusammenspiel vieler Perspektiven. Wir wollen zum Beispiel nicht nur herausfinden, wo Hitzewellen wahrscheinlicher werden, sondern auch, wie eine Gesellschaft hitzeresistent leben kann und will. Wichtig ist sowohl, wie sich das Klima verändern könnte, als auch wie Debatten und Emotionen unser Handeln oder unseren Verzicht aufs Handeln beeinflussen.

Daran arbeiten wir in Hamburg. Bei CLICCS verbinden wir seit vielen Jahren Fächer wie Meteorologie, Biologie, Soziologie und Politikwissenschaft. Mit der neuen Förderphase kommt nun eine weitere Ebene hinzu: eine vertiefte Zusammenarbeit mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Gemeinsam wollen wir verstehen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse aufgenommen werden, wann sie etwas verändern, wie dies ausgehandelt wird und wie sich das Gewünschte umsetzen lässt.

Ein Beispiel: In einer laufenden Studie, Arbeitstitel „In Erwartung heißer Nächte“, untersuchen wir, wie deutsche Haushalte auf lokale, saisonale Klimavorhersagen reagieren, wie Informationen über zu erwartende Hitzewellen ihr Vertrauen in die Forschung beeinflussen, und ob sie auf Grundlage dieser Warnungen ihr Verhalten verändern. Erste Ergebnisse zeigen: Wer konkrete Vorhersagen erhält, verändert dauerhaft seine Risikowahrnehmung – und besorgt sich zum Beispiel eher einen Ventilator fürs Schlafzimmer. Damit zeigt sich erstmals, dass Vorhersagen beeinflussen, wie Haushalte Risken wahrnehmen und über angepasste Entscheidungen die künftige Klimarealität selbst mitgestalten.

Solche Ergebnisse entstehen nur, wenn Natur- und Sozialwissenschaftler:innen ihre Fragen gemeinsam formulieren, eine Sprache finden – und einander zuhören. Das braucht Zeit, Vertrauen und die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten. Nur so lassen sich Horizonte wirklich erweitern. Damit dies unter einem Dach stattfinden kann, haben wir den Earth and Society Research Hub (ESRAH) gegründet, an dem unser Klima-Cluster CLICCS angesiedelt ist. Hier wollen wir unseren integrierenden interdisziplinären Ansatz leben und auch jenseits der Klimaforschung auf andere Felder anwenden, in denen Mensch und Natur zusammenspielen. Die großen Fragen unserer Zeit kennen keine Fächergrenzen.

Der Klimawandel ist ein physikalisches Phänomen, eine Herausforderung ebenso wie eine Folge unserer Wirtschaftsweise und Kultur. Erst durch gemeinsame differenzierte Analysen können wir Wege in die Zukünfte aufzeigen, die sich die Gesellschaft wünscht. In Hamburg sind die Weichen dafür gestellt.

 

Über die Autor:innen

Johanna Baehr ist Professorin für Ozeanographie an der Universität Hamburg und Sprecherin des Exzellenzclusters Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS).
Grischa Perino ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Earth and Society Research Hub (ESRAH) der Universität Hamburg.