Heiße Stadt, coole Lösungen?
03.09.2025 | Zur Sache
03.09.2025 | Zur Sache
Ein Editorial von Prof. Dr.-Ing. Birgit Milius, Leiterin des Fachgebiets Bahnbetrieb und Infrastruktur (BBI) der TU Berlin
Hot town, summer in the city
Back of my neck gettin’ dirt’ and gritty
Been down, isn’t it a pity?
Doesn’t seem to be a shadow in the city
All around, people looking half-dead
Walkin’ on the sidewalk, hotter than a match head
Viele wissenschaftliche Publikationen versuchen, die Sommerhitze in den Städten mit Grafiken und Tabellen zu beschreiben. Aber schon 1966 hat die Band The Lovin’ Spoonful die passenden Worte gefunden. Bereits 1966 war die (amerikanische) Stadt im Sommer anstrengend für die Menschen. Schauen wir jetzt auf Klimatabellen so wird deutlich: Das war nur der Anfang, wir sind (leider) heute schon viel weiter… .Die Nachrichten der letzten Wochen sind voll von Klimathemen: mehr Hitzetote, Überschwemmungen, neue Temperaturrekorde, Waldbrände. Und das in Deutschland und Europa -mitnichten in der amerikanischen Wüste.
Gerade die Städte sind von der Hitze stark betroffen. Enge Straßen mit dunklem Asphalt, wenig Pflanzen, die der Hitze stand halten, wenig Flüsse oder offenes Wasser: die Städte als Ganzes, aber auch die Wohnungen jedes und jeder Einzelnen heizen sich tagsüber stark auf und kühlen sich nachts nicht mehr (ausreichend) ab. Die Auswirkungen sind enorm: Krankheiten häufen sich, Suizidzahlen steigen, Menschen sind weniger leistungsfähig und aggressiver. Eins ist klar: Klimaanlagen sind nicht die Lösung. Das zeigen die Beispiele aus dem Ausland. Ja, der oder die Einzelne mag profitieren. Aber nicht nur wird die Energiewirtschaft an die Grenze der Belastbarkeit gebracht, auch trägt die Energieerzeugung dadurch noch stärker zum Klimawandel bei. Und es entsteht Lärm, der, was häufig vergessen wird, auch schädlich ist.
Durch die Erhitzung von Städten wird auch die Infrastruktur an vielen Stellen an ihre Belastungsgrenzen gebracht. Sei es, dass der Asphalt zu weich wird, Spielgeräte auf Kinderspielplätzen zu heiß werden, dass das Warten auf Bus und Bahn an unbeschatteten Haltstellen zur Qual wird.
Damit die Stadt der Zukunft lebenswert bleibt, muss sie sich verändern und anpassen. Und das unter schwierigen Rahmenbedingungen. Eine Auswahl der Herausforderungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Die Städte sind dicht besiedelt, es gibt also wenig Platz um Neues zu bauen. Änderungen innerhalb bestehender Strukturen sind teuer – und das in Zeiten knapper Kassen. Meinungen zum richtigen Umgang mit dem Klimawandel gehen auseinander. Unsere Gesellschaft wertet aber Partizipation sehr hoch, Beteiligung wird gefordert und ermöglicht, führt aber auch zu langwierigen Prozessen. Städte sind gewachsen. Denkmalschutz spielt eine wichtige Rolle – was zu schwierigen Abwägungen führt.
Die Wissenschaft ist gefordert, hier aktiv zu werden. Das bedeutet aber auch, dass Forschung und Forschungsförderung sich anpassen müssen. Viel zu oft in der Vergangenheit wurde singuläre Exzellenz gefördert. Es entstanden Ideen und Lösungen, die einen Aspekt optimiert haben. Aber für eine erfolgreiche, funktionierende Stadt der Zukunft muss interdisziplinär gearbeitet werden – so müssen beispielsweise Ingenieure und Biologen, Politologen und Stadtplaner fachübergreifend zusammenarbeiten, um praktisch relevante Lösungen zu erarbeiten, die nicht in Schränken (Verzeihung: auf Festplatten) vergessen werden, sondern die umgesetzt und ausprobiert werden.
Interdisziplinäre Forschung heißt auch, dass Projekte länger dauern können, weil die Abstimmungen Zeit brauchen. Dass Ergebnisse auch Kompromisse darstellen, weil vielleicht eine verfügbare, perfekte Lösung aus einem Bereich, in einem anderen keine Akzeptanz findet. Es kann bedeuten, dass die Qualität von Forschungsarbeiten der Antragsteller nicht nur über Veröffentlichungen und H-Faktoren bewertet werden darf, sondern andere, qualitative Kriterien wie beispielsweise Netzwerke Berücksichtigung finden sollten. Forschungsförderung muss dem Rechnung tragen: Nicht nur durch entsprechende Ausschreibungen, sondern auch durch beispielsweise eine entsprechende Berücksichtigung bei der Bewertung von Gutachten.
Der Klimawandel stellt uns vor viele Herausforderungen. Dies muss für uns als Forschungsgemeinschaft ein Anreiz sein, Lösungen zu erarbeiten – gemeinschaftlich und gesamtheitlich. Nicht nur Städte müssen sich anpassen, sondern Forschung muss es auch tun.
Prof. Dr.-Ing. Birgit Milius ist Leiterin des Fachgebiets Bahnbetrieb und Infrastruktur (BBI) der TU Berlin. Neben ihrer Tätigkeit als Professorin ist sie unter anderem seit 12/2022 Mitglied im Vorstand von Allianz pro Schiene.