Kluge Kaufleute bauen vor
07.04.2026 | Zur Sache
07.04.2026 | Zur Sache
Ein Editorial von Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).
Der Krieg im Iran hat deutlich spürbare Folgen: steigende Öl- und Gaspreise. Sie zeigen schmerzlich, wie abhängig wir noch immer von klimaschädlichen fossilen Energien sind. Der Konflikt könnte Deutschlands Wirtschaft einen weiteren Dämpfer verpassen. Dabei hat sie aus diversen Gründen vorher schon geschwächelt: Strukturwandel in der Autoindustrie, geopolitische Verschiebungen, neue Zölle und nun auch noch steigende Energiepreise.
Entsprechend steht die Wirtschaft bei der Politik derzeit besonders im Fokus. Daran ist nicht grundsätzlich etwas auszusetzen. Allerdings dürfen darüber die Themen Umwelt, Klima, Natur und Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick geraten. Genau diese Gefahr besteht aber; es ist verführerisch, in einen „First-things-first“-Modus zu verfallen. Nach dem Motto: Läuft die Wirtschaft erst wieder, dann kümmern wir uns um die Umwelt. Entsprechend groß ist derzeit der Ruf nach niedrigeren Spritpreisen, statt die Energiewende hin zu klimafreundlicheren Alternativen zu beschleunigen. Ist das klug?
Die Wirtschaft braucht eine gesunde Umwelt ganz besonders; funktionierende Ökosysteme, sauberes Wasser, reichhaltige Böden, tolerierbares Klima. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) hängt mehr als die Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts, rund 44 Billionen US-Dollar, von der Natur ab. Trotzdem wird das häufig übersehen, weil die derzeitigen Umweltveränderungen schleichend geschehen. Besonders die biologische Vielfalt verschwindet eher im Stillen. Die Folgen des Klimawandels nehmen wir mittlerweile stärker wahr – die Waldbrände in Sachsen und Brandenburg oder die schweren Niederschläge und Überflutungen im US-Bundesstaat Hawaii, in Kenias Hauptstadt Nairobi und im Südosten Brasiliens im Februar und März 2026. Aber schon einige kalte Winter- oder verregnete Sommerwochen drängen das Problem wieder in den Hintergrund. Dabei waren die vergangenen 11 Jahre die wärmsten in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen. Der Verlust an Biodiversität und der Klimawandel schreiten ungebrochen voran.
Das Dilemma ist allerdings, dass verschmutzte Luft oder belastetes Grundwasser Produkte bisher nicht teurer machen. Derzeit fallen eher geringere Kosten an, wenn man die Folgen für die Umwelt außer Acht lässt. Wer etwa „grüne“ Chemikalien auf Basis von Lebensmittelabfällen statt fossilen Energieträgern produziert, muss neue Verfahren entwickeln und hat oft höhere Kosten. „Einfach nicht zu stemmen“, ist da häufig zu hören.
Das klingt plausibel – ist betriebswirtschaftlich trotzdem kurzfristig gedacht, zumal innovative Umwelttechnologien Zukunftstechnologien sind. Wer jetzt gute Ideen hat, kann Marktanteile erobern. Dem WEF und der Boston Consulting Group zufolge war dieser Bereich der am zweitschnellsten wachsende im vergangenen Jahrzehnt nach der Informationstechnologie. Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen.
Als Fazit bleibt, die Umwelt nicht zu beachten, erhöht vielleicht jetzt Gewinne, langfristig steigt das Risiko. Bereits heute werden Lieferketten instabil oder reißen. Klimabedingte Ernteausfälle im Globalen Süden verknappen bestimmte Rohstoffe und machen sie teurer, etwa Kaffee oder Kakao. Hinzu kommt: Die Kombination aus steigender Erderwärmung und geopolitischen Spannungen, die sich häufig gegenseitig bedingen, wird auf Dauer zu einer unguten Melange führen – und wirtschaftliche Aktivitäten noch schwieriger machen.
Kluge Kaufleute denken deshalb in die Zukunft. Das war schon immer so, ob bei den venezianischen Händlern oder den Fuggern. Sie blickten über unmittelbares Geschäft hinaus. Was damals Handelsverträge mit fernen Ländern waren, sind heute zusätzlich Nachhaltigkeitsfaktoren. Konkret bedeutet das z.B. Investitionen in alternative Energiequellen, Energieeffizienz, nachhaltige landwirtschaftliche Produktion, Wasserreinigung oder Kreislaufwirtschaft. Sonst ist der Gewinn von heute der Verlust von morgen.
Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina.