Grundlagen der Klimaforschung dürfen nicht ins Abseits geraten
26.03.2026 | Zur Sache
26.03.2026 | Zur Sache
Ein Editorial von Prof. Dr. Gregor Rehder vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW)
Zugegeben: In Zeiten zahlreicher schwelender bis offen brennender Krisen und einer unsteten, teils verstörenden Politik eines einst verlässlichen Partners wie den USA fällt es schwer, die dauerhafte Bedrohung durch den Klimawandel im Blick zu behalten. Derzeit gerät die Klimakrise – obwohl sie schon heute unzählige Todesopfer fordert und einen enormen wirtschaftlichen und humanitären Schaden verursacht – aus dem Fokus. Ihr Fortschreiten ist stetig, oft nicht spektakulär. Aber selbst dramatische, eindeutig klimabedingte Ereignisse wie Überschwemmungen, Waldbrände oder Dürren behaupten sich im immer schnelleren Nachrichtenzyklus kaum noch als das, was sie sind: Symptome einer gravierenden und voranschreitenden Menschheitsbedrohung.
Umso entscheidender ist es, dass wir als klimaforschende Gemeinschaft nicht nachlassen – weder bei der präzisen Erfassung, noch bei der verständlichen Vermittlung der globalen Veränderungen als Grundlage politischen und gesellschaftlichen Handelns.
Haben Sie sich schon mal gefragt, wie es eigentlich gelingt, Jahr für Jahr rechtzeitig zur Weltklimakonferenz das Global Carbon Budget vorzulegen – mit aktuellen Daten zur Temperaturentwicklung, zur Bilanz der wichtigsten Treibhausgase und ihrer Flüsse auf Basis von unabhängigen Messungen und Modellen sowie einer Prognose für das laufende Jahr? Hinter dieser faktenbasierten Gesamtschau steht eine enorme internationale Gemeinschaftsleistung. Beobachtungsdaten aus Atmosphäre, Ozean und Ökosystemen werden zusammengeführt, qualitätsgesichert und mit Satellitenmessungen verknüpft. Darauf bauen Modelle auf, Unsicherheiten werden quantifiziert, Veränderungen zum Vorjahr analysiert und der Status quo mit den zugesagten nationalen Klimazielen abgeglichen.
Bezeichnend und offenbar in unsere Zeit passend ist jedoch, dass viele der erforderlichen Schritte dieses strikten operationellen Ablaufs nicht langfristig abgesichert sind. Gerade Datenerhebung und -integration beruhen häufig auf befristeten Projekten und persönlichem Engagement einzelner. In Europa sind wir bezüglich Daten aus „meiner“ Domäne – dem Meer – durch die Einbindung in die europäische Forschungsinfrastruktur „Integrated Carbon Observation System“ (ICOS) vergleichsweise gut aufgestellt – auch wenn die Förderung von Partnerland zu Partnerland unterschiedlich und in der Regel nur für wenige Jahre gesichert ist. Im internationalen Vergleich gilt selbst das schon als bemerkenswert verlässlich. Die globale Datensynthese im Surface Ocean CO₂ Atlas (SOCAT) dagegen hängt in noch stärkerem Maße vom freiwilligen Einsatz eines weltweiten Netzwerks ab.
Es gibt jedoch auch Anlass zur Zuversicht: 2024 hat die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) die Initiative Global Greenhouse Gas Watch (G3W) gestartet. Ziel ist, Treibhausgasemissionen und ihre Verteilung in der Atmosphäre so zu überwachen, dass monatliche flächendeckende Karten mit einer 1°-Auflösung möglich werden, gesichert und voll operationell – vergleichbar dem Wetterbeobachtungsnetz, das die Grundlage für unsere stetig verbesserten Wettervorhersagen bildet. Die WMO finanziert dies nicht selbst. Aber sie kann ein gewaltiger Hebel sein, die unterzeichnenden Staaten sowie private Mittelgeber auf die Vorbereitung und Umsetzung eines operationellen Klimanetzwerks einzuschwören. Erste Wirkungen zeigen sich: So wurden Schritte zu einem koordinierten globalen CO₂-Beobachtungsnetzwerk im Ozean (Surface Ocean CO2 Observing Network – SOCONET) angestoßen. Zu dessen Notwendigkeit hatte die wissenschaftliche Gemeinschaft bereits 2019 ein Positionsdokument verfasst, doch erst mit G3W konnte die Initiative jetzt wirklich Fahrt aufnehmen.
Eine verlässliche, dauerhafte Treibhausgaserfassung ist für Klimabeobachtung und Emissionskontrolle so grundlegend wie die operationelle Erfassung von Wetterdaten für eine verlässliche Wettervorhersage, die heute niemand mehr missen möchte. Dass ausgerechnet jetzt in einer Phase sich überlagernder Krisen dafür Weichen gestellt werden, macht Hoffnung.
Gregor Rehder leitet die IOW-Abteilung Meereschemie und ist Professor für Meereschemie mit den Schwerpunkten klimarelevante Gase und Kohlenstoffkreislauf an der Universität Rostock. Darüber hinaus ist er leitender Wissenschaftler des umfassend instrumentierten Fährschiffs Finnmaid, das im Rahmen von ICOS regelmäßig zentrale Daten zu Treibhausgasflüssen aus der Ostsee erhebt. Seit 2024 fungiert er als Sprecher der Ozeankomponente von ICOS, die 27 marine Messstationen in zehn europäischen Ländern umfasst. Zudem gehört er dem wissenschaftlichen Leitungsgremium des International Ocean Carbon Coordination Project (IOCCP) an und verantwortet dort die Harmonisierung der Messungen der Klimagase Lachgas und Methan im Ozean.