Kolumne "Zur Sache"

Katastrophenschutz muss sich auf Klimawandel vorbereiten

Marie-Luise Beck © DKK, Stephan Röhl

Mithilfe von Storytelling illustriert das Grünbuch des Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit in einer von drei Analysen, welche Folgen Klimawandel und Wetterextreme für die öffentliche Sicherheit haben können. DKK-Geschäftsführerin Marie-Luise Beck ist Mitautorin und erklärt, wie die Geschichte von Familie Weber im Hitzesommer 2030 entstanden ist.

Ein Editorial von Marie-Luise Beck, Deutsches Klima-Konsortium

„Die Stadt glüht in der Mittagshitze. Das Thermometer klettert auf 45 Grad Celsius – im Schatten. In diesem August 2030 deutet alles auf einen neuen Rekord hin. Familie Weber hat sich in ihrer Dreieinhalbzimmerwohnung vor den beiden Ventilatoren versammelt, die die stickige Luft umrühren.“ Eine Szene aus einem Drehbuch eines reißerischen Katastrophenfilms? Mitnichten. 

Es ist die Übersetzung des Berichtes zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2018 in ein Storytelling-Fallbeispiel. In der Drucksache des Deutschen Bundestages mit der Nummer 19/9521 heißt es auf Seite 52: „Im August des letzten Szenariojahres kommt es nun zu einer den gesamten Monat andauernden Hitzewelle. Die Monatsmitteltemperatur beträgt 22,2 °C, was einer Abweichung von 4,8 °C gegenüber dem Mittelwert von 17,4 °C für den Referenzzeitraum 1981 bis 2010 entspricht.“ Der Bericht der Bundesregierung an das Parlament simuliert eine sechsjährige Dürre in Kombination mit einer extremen Hitzewelle in Deutschland. Die Ergebnisse sind alarmierend. Allerdings nur für den, der oder die vom Fach ist und daher die besorgniserregende Dimension einer Abweichung von 4,8 Grad auch erkennen kann. Der Bericht ist der siebte seiner Art, der seit 2012 den Bundestagsabgeordneten vorgelegt wird. Wenig oder nichts ist bisher passiert. Dem Bericht von 2012, der eine Pandemie durch ein erfundenes Virus namens „Modi-SARS“ durchspielte, erging es nicht anders – was mittlerweile bekannt ist. 

Die Arbeitsgruppe, die sich mit der Übersetzung beschäftigt hat und deren Mitglied ich war, ging von der Hypothese aus, dass eine Darstellung über Statistiken und Daten allein nur schwer Handlungswissen in der Politik generieren kann. Daher erzählen wir auf dieser Faktenbasis die Geschichte einer deutschen Durchschnittsfamilie in einer Großstadt, die nach sechs Jahren Dürre eine Hitzewelle nie gekannten Ausmaßes überstehen muss. Durch die Erzähltechnik kann veranschaulicht werden, was es bedeutet, wenn Wetterextreme ein hochtechnisiertes und an hohe Sicherheitsstandards gewöhntes Land öfter, stärker und länger anhaltend heimsuchen. 

Zu finden ist sie im sogenannten Grünbuch 2020, das vor Kurzem vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit (ZOES) veröffentlicht wurde. Schon 2019 hatten Mitglieder dieses Netzwerks aus dem Deutschen Bundestag, aus Bundesbehörden, Wissenschaft und Katastrophenschutz die drei aus ihrer Sicht dringlichsten Herausforderungen für die öffentliche Sicherheit identifiziert: Klimawandel, Digitalisierung und Organisierte Kriminalität sowie Infektionsgeschehen und Pandemien. In allen drei Feldern, so unsere Diagnose, sehen wir hochdynamische und beispiellose Veränderungen. Organisationen, Infrastrukturen und Gesetzeswerke sind weder angemessen präventiv aufgestellt, noch können sie ausreichend Möglichkeiten der Reaktion im Krisenfall bieten. 

Was in der Klimaforschung längst keine Überraschung mehr ist, wird bei Akteurinnen und Akteuren der Sicherheit, des Katastrophenschutzes und der Innenpolitik noch nicht ausreichend wahrgenommen und berücksichtigt: Auch in Deutschland ist als Folge des Klimawandels zu erwarten, dass die grundsätzlich guten Strukturen und Prozessketten des Katastrophenschutzes überfordert werden. Deshalb sollten wir mehr Resilienz in den Infrastrukturen und in der Bevölkerung aufbauen – das reicht von moderner Technik und Ausstattung bis hin zu Krisenplänen und Sensibilisierung sowie Aktivierung der Bevölkerung. Zwar haben die Hitze und Trockenheit der Sommers 2018 und 2019 die abstrakten Statistiken der Klimaforschung unangenehme Realität werden lassen und Nachdenklichkeit ausgelöst, nicht jedoch Grundsatzdebatten und systemische Entscheidungen in der Innen- und Sicherheitspolitik. Aber auch umgekehrt gilt: Im Klima- und Umweltbereich gibt es noch zu wenig Austausch mit dem Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. 

Im Storytelling-Risikoszenario, das zehn Jahre in der Zukunft spielt, wird deutlich, welche Vorteile Innovationen wie das Sendai Framework der Vereinten Nationen bieten können – wenn sie denn umgesetzt werden. Oder aber auch welche fatalen Konsequenzen fehlende Prävention hat, wie die fehlende Sanierung maroder Notbrunnen die zu eklatantem Trinkwassermangel führen würde. Durch die Überprüfung externer Expertinnen und Experten und eine Vielzahl wissenschaftlicher Quellen wurde sichergestellt, dass die „Story“ über Familie Weber eine mögliche und plausible Realität illustriert, die Politikerinnen und Politikern, Polizei und Feuerwehr, Deutschem Roten Kreuz, Bürgermeister oder Innenministerin zeigt, warum ein klimaresilientes Deutschland auch als eine Sicherheitsfrage zu begreifen ist.

Das GRÜNBUCH 2020 wird – sobald es die COVID19-Situation zulässt – in einem nächsten Forum am Deutschen Bundestag diskutiert. Das Bundesforschungsministerium hat bereits signalisiert, dass das Sicherheitsforschungsprogramm SiFo die Ergebnisse für seine weitere Planung nutzen wird. Vielleicht könnte das Szenario auch ein Impuls für das Nachhaltigkeitsforschungsprogramm FONA sein?

 

Zur Autorin
Marie-Luise Beck ist seit 2012 Geschäftsführerin des Deutschen Klima-Konsortiums, eine der Autorinnen des GRÜNBUCH 2020 zur Öffentlichen Sicherheit und Mitglied des ZOES-Gesamtvorstands.

Mehr Informationen
  • Beck, Marie-Luise, [...], Kirsche, Uwe, [...], Geier, Wolfram, [...], Sticher, Birgitta (2020). GRÜNBUCH 2020 zur Öffentlichen Sicherheit. Herausgegeben von Dr. André Hahn MdB, Michael Kuffer MdB, Dr. Irene Mihalic MdB, Susanne Mittag MdB, Benjamin Strasser MdB. Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e.V. Berlin. ISBN 978-3-00-067510-2
  • Das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V. ist eine gemeinnützige Denkfabrik zur Gestaltung der künftigen Entwicklungen der Öffentlichen Sicherheit. Es vernetzt Abgeordnete des Deutschen Bundestages mit Expertinnen und Experten aus Ministerien und Bundesbehörden, aus der Wissenschaft, Hilfsorganisationen, Verbänden und der Wirtschaft.

 

16. Februar 2021

Bildnachweis: DKK, Stephan Röhl

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